«Wir wollen Zürich zum Tanzen bringen»

Mit einem dreitägigen Fest wird dieses Wochenende der Ersatzneubau des Tanzhauses Zürich eröffnet. Dessen Leiterin Catja Loepfe erzählt, was dort künftig im Alltag passiert.

Lilo Weber

«Ich bin sicher, dass das Tanzhaus mehr Aufmerksamkeit erhalten wird»: Catja Loepfe leitet das Tanzhaus Zürich und freut sich auf den Einzug ins neue Gebäude. (Bild: PD)

Frau Loepfe, am kommenden Wochenende wird das wunderschöne neue Tanzhaus eröffnet. Es ist dies ein kostbarer Ersatz für das 2012 abgebrannte Gebäude an der Wasserwerkstrasse 127a. Wozu braucht die Stadt ein Tanzhaus?

Der zeitgenössische Tanz hat seit Jahrzehnten an Relevanz gewonnen und braucht ein Haus, in dem Tanzstücke erarbeitet werden können. Das Tanzhaus Zürich ist das einzige Produktionshaus in der Deutschschweiz, das sich ausschliesslich dem Tanz widmet. Es richtet sich insbesondere an junge Künstlerinnen und Künstler und ist der Ort für die ersten Schritte nach der Berufsausbildung. Hier kriegen sie alle Unterstützung, die wir einer Kompanie oder einzelnen Tanzschaffenden geben können. Darüber hinaus bieten wir Tanzkurse für eine interessierte Öffentlichkeit an.

Was geschieht hier genau?

Tänzerinnen und Tänzer sind keine Einzelkünstler, sie trainieren jeden Tag im Studio und formieren sich in künstlerischen Kollektiven. Wir bieten tägliches Profitraining an. Wir helfen bei der Erarbeitung von Bühnenwerken, und zwar von den ersten Dossierentwürfen, der Geldersuche über dramaturgische Unterstützung, Medienarbeit bis zur Uraufführung.

Was ändert sich mit dem Neubau?

Er gibt dem Tanzhaus Einheit und grössere Sichtbarkeit. Wir hatten bis anhin Ersatzräume im Mediacampus, und das war zu weit weg. Durch die Räume an einer Adresse sind wir flexibler. Davor mussten wir uns in allem teilen. Der Saal und das eine Studio im Gebäude an der Wasserwerkstrasse 129 mussten Profitraining, Proben, Kinderkurse, Aufführungen und Residenzen beherbergen.

Das noch unmöblierte Foyer des Neubaus. (Bild: Simon Menges)

Neu arbeitet im Tanzhaus eine kleine ständige Kompanie, The Field – was steckt dahinter?

Das Kollektiv hat eine eigene Trägerschaft, aber sein Zuhause ist zurzeit im Tanzhaus Zürich. Bei der Bestandesaufnahme zur Tanz- und Theaterlandschaft Zürich fiel auf, dass es in der freien Tanzszene keine grössere Kompanie mehr gibt, die regelmässig arbeitet, wie in den 1980er und 1990er Jahren. Uns war es wichtig, eine Kompanie zu alimentieren, die Bewegungsforschung betreibt und über das ganze Jahr unterstützt wird. Wir hatten das Glück, in der Fondation BNP Paribas einen Startsponsor gefunden zu haben. Die Kompanie wird mit hiesigen oder internationalen Choreografen arbeiten, aber auch in die Stadt hinausgehen. Wir wollen verschiedene Projekte mit Communitys lancieren und den zeitgenössischen Tanz in Winkel der Gesellschaft bringen, wo er noch nicht angekommen ist.

Das Publikum für den Tanz wächst international, die Kompanien am Zürcher Opernhaus, in den Stadttheatern von Luzern, Bern und Basel haben hervorragende Auslastungen. Nicht aber der Tanz in der freien Szene. Woran liegt das?

Am Zürcher Theaterspektakel sind die Tanzvorstellungen sehr gut besucht. Ich glaube, das hat zum Teil mit der Tradition von Institutionen und Festivals zu tun. Das Theaterspektakel ist vierzig Jahre alt und hat eine riesige Ausstrahlung – über Zürich hinaus. Das Gleiche gilt für die Oper und die Kompanien an den Schauspielhäusern. Die haben eine lange Tradition und viele Mittel für Medienarbeit. Die Aufmerksamkeit für das Tanzhaus hat dagegen in den letzten Jahren gelitten. Nach dem Brand hatte die Szene ihre Heimat verloren.

Neue Heimat für den Tanz an der Limmat: Aussenansicht des Ersatzneubaus für das Tanzhaus Zürich. (Bild: Simon Menges)

Erhoffen Sie sich vom Neubau auch mehr Ausstrahlung?

Ich bin sicher, dass das Tanzhaus mehr Aufmerksamkeit erhalten wird, nicht zuletzt wegen der Architektur des Büros Barozzi Veiga. Ich habe mich bei der Planung sehr für die Cafébar im Foyer eingesetzt. Sie wird nun täglich für die Quartierbevölkerung und die Tanzschaffenden offen sein. Allem voran setzen wir uns aber für eine hohe Qualität der Kunst ein.

Hier aber liegt das Problem – in der Einseitigkeit der in Zürich geförderten Szene: Sie ist stark auf Performance ausgerichtet, und das ist nicht so wahnsinnig spannend anzuschauen. Sie gleicht darin etwa der Szene in Berlin, nicht aber jener in Brüssel, den Niederlanden oder Grossbritannien. Wie kommt das?

Der zeitgenössische Tanz ist in den letzten Jahren auf internationaler Ebene stark gewachsen und damit auch die Performance. Es gibt mehr Tanzschaffende, mehr europäische Netzwerke, gerade weil die Künstlerinnen und Künstler angefangen haben, sich bei anderen Kunstformen zu bedienen – bis hin zum virtuellen Raum, wie es nun zur Eröffnung des Neubaus mit Gilles Jobins «VR_I» zu sehen ist. Die Entwicklung hat über die reine Bewegung hinausgeführt, hat Text auf die Bühne gebracht, Video und so weiter. Die Möglichkeiten werden grösser, aber auch die Möglichkeiten zu scheitern. Performances sind häufig textlastig. Ich glaube, wir sind eine textbasierte Kultur, und die Menschen haben das Bedürfnis, etwas sprachlich auszudrücken.

Wir reden von der deutschsprachigen Kultur. . .

Im Tanzhaus Zürich ist uns wichtig, dass die Arbeiten, die wir begleiten, eine inhaltliche Dringlichkeit haben. Die Künstlerinnen und Künstler greifen Themen aus Politik und Gesellschaft auf, bringen sie in geeigneter Form auf die Bühne, wollen das aber häufig mit Bewegung allein nicht lösen. Wir versuchen, das ästhetische Spektrum breiter zu halten, und möchten in Zukunft gerne noch mehr Kompanien ein Dach geben. Denn mit sechs Gruppen pro Jahr ist Diversität nur bedingt zu garantieren. Doch auch für reine Bewegungskompanien gilt: Die Arbeit muss inhaltlich Sinn ergeben und für andere nachvollziehbar sein.

Wo soll der Tanz im Tanzhaus Zürich hingehen?

Ich glaube fest daran, dass das, was hier entsteht, zukunftsweisend ist. Man darf nicht vergessen, dass das die ersten Schritte sind; die Künstler dürfen auch stolpern. Ich möchte gerne, dass das, wofür hier wochenlang im Probenraum geschwitzt wurde, von vielen Leuten gesehen wird. Ich glaube an neue Synergien, wenn verschiedene Kunstschaffende nebeneinander proben. Und ich wünsche mir, dass mehr Leute in der Stadt Zürich selbst zu tanzen anfangen.

3 Gedanken zu „«Wir wollen Zürich zum Tanzen bringen»“

  1. Auch hier: die Auslastung bei Stücken aus der freien Szene ist nicht immer schlecht. Das muss hier auch mal gesagt sein. Vielleicht kennt Lilo Weber diese Stücke nicht?

  2. “Hier aber liegt das Problem – in der Einseitigkeit der in Zürich geförderten Szene: Sie ist stark auf Performance ausgerichtet, und das ist nicht so wahnsinnig spannend anzuschauen” – Finde ich keine sehr professionelle Interviewfrage. Im Allgemeinen wirk es als ob Lilo Weber sich eigentlich lieber ein zweites Opernhaus wünscht als ein Tanzhaus, das eine so publikumsmässig unhervorragend augelastete freie Tanzszene zeigt. Ich finde Catja Loepfe hat die nicht so professionellen Fragen aber super beantwortet.

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