Tanzen war gestern – wir drehen uns lieber im Kreis

In welche Sackgasse der Tanz geraten kann, wenn er sich nicht bewegt, zeigen die jüngsten Schweizer Tanztage.

Lilo Weber, Lausanne 13.2.2019
NZZ Feuilleton

Hätten die Hysterikerinnen des Nervenarztes Jean-Martin Charcot gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Laurence Yadi tanzen können, sie wären vielleicht durch Kunst geheilt worden. Denn wenn Yadi zittert, mit dem ganzen Körper, mit der Seele – dann tun sich Himmel und Hölle auf. Erstmals steht Yadi, die eine Hälfte der Genfer Compagnie 7273, ohne ihren Co-Choreografen Nicolas Cantillon auf der Bühne. «Today» ist ein Tanz, der im Hier und Jetzt verhaftet ist – und der Höhepunkt von vier Tagen zeitgenössischen Tanzschaffens aus der Schweiz.

Lausanne wurde während der vergangenen Woche zur Tanzhauptstadt. Der renommierte Prix de Lausanne brachte 74 junge Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt ins Théâtre de Beaulieu. Gleichzeitig trafen sich 250 Veranstalter aus 25 Ländern im Théâtre Vidy und auf weiteren Bühnen der Stadt zu den Swiss Dance Days, der Tanzbörse, die das Netzwerk Reso alle zwei Jahre zur Promotion des freien Schweizer Tanzschaffens organisiert. 

Eins-zu-eins-Darstellungen

Die beiden Welten verbindet wenig. Während oben in der Stadt hoch trainierte Körper für ein Stipendium oder ein Lehrjahr an einer renommierten Kompanie um Kopf und Kragen wirbeln, buhlt unten die freie Szene stehend oder sitzend, singend oder sprechend um ein Gastspiel im Programm der eingeladenen Veranstalter.

Tanzen war gestern. Virtuosität ohnehin. Ein grosser Teil der freien Schweizer Tanzszene hat sich vor Jahren von Tanz und Choreografie als Bewegungskunst im Raum losgesagt und pflegt seither das, was man als «No Dance», Konzept-Tanz oder Performance bezeichnet. Das hat den Vorteil, dass auch nicht professionell ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer mitmischen können – und an Fördergelder aus dem Tanztopf kommen.

Und so schauen wir zu, wie Teresa Vittucci ihren nackten Hintern vor die Kamera ihres Laptops hält, eine Lasagne wärmt und singt, auf dass ihre Fans im Chatroom zu so authentischen Kommentaren finden wie «It makes me really horny». Das Thema, die zunehmende Vermischung von Privatheit und Öffentlichkeit, ist virulent, doch die krude Eins-zu-eins-Darstellung wird dem nicht gerecht. Indem Vittucci sich in ihrer ganzen Leibesfülle uns und der Community im Netz zur Schau stellt, stellt sie nicht Voyeurismus und Exhibitionismus dar, sondern lebt ihn.

Ähnliches lässt sich bei Alexandra Bachzetsis beobachten. Die Zürcher Performerin macht sich in ihren Performances selbst zum Thema, auch wenn es gemäss Ankündigung um anderes geht. Seit Jahren kritisieren Tanzexperten, dass tänzerisch nicht viel kommt und choreografisch noch weniger. Nun hat sie in «Private Song» griechischen Tanz demontiert. Das ist gut gemacht und wirkt um Lichtjahre erotischer als der Beginn des Stücks, da sie uns im schwarzen Latexkleid den Po um die Nase dreht. Der Latex stammt aus einem früheren Stück, das mit Rembetiko endete. Dort knüpft «Private Song» an, und wir würden uns gerne auf eine neue, vielschichtigere Alexandra Bachzetsis freuen. Allein, ihre im Januar in Zürich vorgestellte jüngste Arbeit, «Escape Act», blieb wiederum im Klischee stecken.

Die beiden Beispiele sind typisch für das, was in Zürich gefördert und gezeigt wird. Dazu gehört auch der neueste Hype um Mathias Ringgenberg aka Price, der in «Where Do You Wanna Go Today» am Boden herumkriecht und uns mit dem wilden Blick eines Byronic Hero ins Täschchen singt – zumindest das kann er besser als die anderen. Oder die Arbeiten des Sängers Daniel Hellmann, der irgendwann den Choreografen in sich entdeckt hat und seither Stücke zwischen Theater, Musik und Tanz schafft.

Problem Publikum

Interdisziplinarität kommt an, bei Fördergremien und Veranstaltern wie dem Theaterhaus Gessnerallee oder dem Luzerner Südpol. Tatsächlich kann die Kunst zwischen den Künsten kreativ irrlichternde Räume öffnen; das zeigen manche internationale Produktionen. Dafür stand in Lausanne beispielhaft das virtuelle Stück «VR_I» von Gilles Jobin, das den Zuschauer als Gulliver in die Wüste schickt und ihn mit Riesen und Liliputanern tanzen lässt. Indes öffnet Interdisziplinarität auch Raum für kreativen Dilettantismus – und dies ist in der deutschsprachigen Schweiz immer wieder zu sehen.

Hier, insbesondere in Zürich, scheint sich der zeitgenössische Tanz seit über zehn Jahren im Kreise zu drehen, während sich in der Romandie Handwerk entwickelt hat: ein Wissen um Bewegung und Raum, das geschickt genutzt wird. Doch bereits an den Tanztagen 2017 fiel auf, dass auch in der Westschweiz vermehrt «performt» statt getanzt wird. Dieses Jahr standen konzeptionelle Arbeiten von Yasmine Hugonnet auf dem Programm, auch von Nicole Seiler, die normalerweise nicht mit Sprache arbeitet. Auffallend ist die Präzision, mit der hier gearbeitet wird. 

Dennoch bleibt zu fragen: Würde man solch statische Stücke einer Freundin oder Nichte zumuten? Die freie Tanzszene hat nämlich ein Problem mit dem Publikum. Während Tanz an den städtischen und kantonalen Bühnen boomt und mancherorts die Auslastungen in Oper und Sprechtheater überflügelt, performen die Konzept-Tänzer in der Regel für eine kleine Gemeinde von Eingeweihten.

Abflauender Trend

Die Ästhetik entspreche einem deutlichen Trend, sagt Catja Loepfe von der Auswahljury, die mit ihren Jurykollegen 150 Stücke angeschaut hat. Gerne sähe die Leiterin des Tanzhauses Zürich Bewegungsforschung auf den hiesigen Bühnen vertreten, für die Schweizer Tanztage aber hätte die Jury dazu wenig Überzeugendes visioniert. Das mutet merkwürdig an, ist doch der Trend zu Konzept-Tanz ausserhalb des deutschsprachigen Raums längst am Abflauen, auch in Frankreich, von wo er in den 1990er Jahren zu uns gekommen ist. Wer dagegen in der Schweiz choreografiert – wie der Waadtländer Philippe Saire, der in «Actéon» vier Möchtegern-Jäger ins Feld schickt, oder Cindy Van Acker, die abstrakte Arbeiten schafft –, gilt bei den Performance-Anhängern schnell einmal als altbacken.

Und diese sind gut vertreten in den Fördergremien und bei der Programmierung. Zu gut. Indessen zeichnen sich auch hier erste Änderungen ab. Die Kaserne Basel hat mit Sandro Lunin eine neue Leitung mit anderen ästhetischen Schwerpunkten erhalten; der Südpol wird neu aufgestellt; und die Gessnerallee bekommt 2020 ein Team aus drei Leiterinnen, von denen mehr Vielfalt zu erhoffen ist. Ausserdem gibt es heute in der Schweiz vier staatlich anerkannte Ausbildungsstätten für zeitgenössischen Tanz. Die entlassen jedes Jahr junge, gut trainierte Leute auf den Markt, die bewegt sein wollen und hoffentlich etwas bewegen werden.

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