Sex sells: «Escape Act» von Alexandra Bachzetsis an der Gessnerallee

Wenn die Trägerin des Kunstpreises der Stadt Zürich 2018 ins Theater ruft, wird der Blick der Zuschauer zum Thema. Mit «Escape Act» versucht Alexandra Bachzetsis aus der klischeeverminten Gender-Schublade auszubrechen.

Lilo Weber 19.1.2019
NZZ Feuilleton

Die High Heels sind rot und mörderisch. Als Zeichen sind sie so deutlich, wie die Zeichen in den Stücken von Alexandra Bachzetsis nun einmal wirken: deutlich eben. Hier verlängern sie die Beine einer Tänzerin ins Unendliche, wenn diese sie von sich spreizt, sich dann dreht und uns den Po ins Blickfeld rückt. 

Manchmal schauen sie auch, schwarz und bedeutsam, aus einer Kiste hervor, aus der sich kurze Zeit später eine Performerin schälen wird, um von Pussy hier und Pussy dort zu raunen, während sie den Blick freigibt auf ihr weisses Unterhöschen, auf dass wir zu Spannern werden – unfreiwillig? 

Wenn Alexandra Bachzetsis, die Trägerin des Kunstpreises der Stadt Zürich 2018, ins Theater ruft, wird der Blick der Zuschauer zum Thema. Erbarmungslos legt die Zürcher Performance-Künstlerin das Schauen bloss, indem sie sich mit ihren Mit-Performerinnen und -Performern zur Schau stellt. 

Überführt

So auch bei ihrem neusten Stück «Escape Act» im Theaterhaus Gessnerallee, das inspiriert ist von den Arbeiten des «Queer»-Denkers Paul B. Preciado. Auszüge aus dessen Gedicht «Love is a drone» geben Teil des Soundteppichs, auf dem Frauen unmerklich zu Männern werden und Männer zu Frauen – oder zu dem, was wir als Frauen beziehungsweise Männer zu erkennen glauben. 

Die Verwandlungen strafen unsere Blicke Lügen und überführen uns des Denkens in Stereotypen. Das könnte besser funktionieren, würden die Klischees gebrochen, verschoben, verfremdet. So aber bleiben sie, was sie sind: Klischees. Und «Escape Act» bleibt knochentrockene Behauptung, die uns weder zum Lachen noch zum Weinen bringt.

Das liegt zum Teil am arg mageren Bewegungsmaterial. Wenn von Sex und Gender die Rede ist, mögen Koitus-Bewegungen nahe liegen – und die Performer sind technisch so trainiert, dass sie das auch besser können als die meisten im Saal. Aber – sie könnten weit mehr. 

Andeutung

So hält sich Philippe Beloul zu Beginn des Stücks im Hintergrund; seine fahrigen Bewegungen sprechen eine andere Sprache und erzählen eine andere Geschichte. Das bleibt Andeutung: von einer Richtung, die das Stück nehmen könnte, würde mehr Material von einzelnen Performern einbezogen.

Es sind dies Einwände, die von Seiten der Tanzkritik immer wieder gegen die Arbeiten von Alexandra Bachzetsis laut werden. Allein, diese finden Anklang bei einer internationalen Gemeinde von Kunstliebhabern. Die Stücke der Zürcher Performerin werden nicht nur an den Performance Spaces der freien Szene gezeigt, sondern auch in renommierten Kunstmuseen. Gut möglich, dass das Krude, das Eins-zu-Eins-Darstellen da besser zur Geltung kommt.

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