Ein Wille zur Veränderung ist nicht zu spüren

Für 150 000 Franken lässt der Stadtrat die Zürcher Tanz- und Theaterlandschaft untersuchen. Nun liegt ein erster Zwischenbericht vor. Der Befund: Ein Überangebot gebe es nicht. Die Auslastung der Häuser sei gut.

NZZ Daniel Fritzsche14.7.2017

Die Zürcher Kulturschaffenden stellen sich selber ein gutes Zeugnis aus. Eine 111 Seiten umfassende Bestandsaufnahme, die am Freitag veröffentlicht worden ist, kommt zum Schluss: Das Tanz- und Theaterangebot in Zürich ist vielfältig und wird rege genutzt. Die Zahl der Vorstellungen ist in den letzten zehn Jahren um 20 Prozent gestiegen. Die Auslastung der Häuser ist mit durchschnittlich 77 Prozent gut, sogar 4 Prozentpunkte besser als vor zehn Jahren. Der Eigenfinanzierungsgrad ist mit 33 Prozent höher als in Deutschland und im Rest der Schweiz. Im Interview mit der NZZ meint Kulturdirektor Peter Haerle zusammenfassend: «Die Theater leisten gute Arbeit und haben Erfolg.»

«Faust»-Inszenierung im Theater Neumarkt. (Bild: Selina Haberland / NZZ)

Die aufwendige Analyse hat die Firma Integrated Consulting Group aus Österreich durchgeführt. Die Bestandsaufnahme ist der erste Teil der 150 000 Franken teuren Untersuchung, die erst im April 2018 abgeschlossen sein wird. Es wurden nackte Zahlen gesammelt, aber auch Interviews mit rund 50 Exponenten aus der hiesigen Kulturszene geführt.

Schon aufgrund dieser Übungsanlage unter Einbezug aller subventionierten Häuser ist es nicht zu erwarten, dass das heutige Fördersystem grundlegend hinterfragt werden wird. Wer beisst schon freiwillig die Hand, die einen füttert? Insgesamt gibt die Stadt jährlich rund 60 Millionen Franken für 18 Tanz- und Theaterinstitutionen aus.

«Neumarkt» soll bleiben

Ein echter Wille zur Veränderung ist im Bericht nicht spürbar. Auch dann nicht, wenn man ihn detailliert durchgeht. So gebe es zwar durchaus Überschneidungen in den Programmen von «Gessnerallee», Fabriktheater, «Neumarkt» und zum Teil Schauspielhaus, heisst es an einer Stelle. Diese sehen die Beteiligten jedoch nicht als störend oder schädlich, sondern als «überwiegend förderlich». Konkurrenz belebe das Geschäft. Die Ähnlichkeiten werden als – Zitat – «am-Puls-der-Zeit-sein» gewertet.

Der frühere Leiter der Zürcher Theaterförderung Plinio Bachmann sah dies entschieden anders. In einem vertraulichen Gutachten, das die NZZ letzten Herbst publik gemacht hat, kritisierten er und Mitautoren die Verzettelung der Zürcher Kulturangebote. Es brauche eine Reform. «Die grundsätzliche Stossrichtung kann – ganz unabhängig von der momentanen ökonomischen Situation – nicht mehr Expansion der Angebote sein, sondern deren fokussierte Auswahl, Bündelung und Gewichtung.» Dies bedinge «naturgemäss» auch die Schliessung einzelner Institutionen – vor allem dort, wo sich Angebote doppelten und sich allenfalls überlebt hätten. Handlungsbedarf orteten die Verfasser besonders beim Theater Neumarkt. Dieses befinde sich in einer «prekären Lage» – ohne klares Profil, ohne Alleinstellungsmerkmal.


Brisante FusionspläneDaniel Fritzsche 2.11.2016, 06:22

Das Bachmann-Papier schlug vor, das «Neumarkt» in der Altstadt zu schliessen und mit den freigespielten 5,4 Millionen Franken an Subventionsgeldern das Theaterhaus Gessnerallee zu einer «international herausragenden und selber produzierenden Plattform für freie Produktionen» auszubauen. Fokus statt Gemischtwarenladen, war die Stossrichtung der Analyse, die nie veröffentlicht wurde und nun von der laufenden Untersuchung überholt werden soll. Für Kulturdirektor Haerle ist klar, dass das «Neumarkt» eine Daseinsberechtigung hat. Für eine Schliessung gebe es «keinerlei Anlass», sagt er. Tatsächlich haben sich die Besucherzahlen nach einem Tief 2013/14 wieder merklich verbessert. Die Frage nach Doppelungen und der sinnvollen Verteilung der Fördergelder muss dennoch weiter gestellt werden dürfen.

Heikle Entscheide vertagt

Die FDP begleitet den Prozess seit Beginn kritisch. Vom nun veröffentlichten Zwischenbericht hält sie wenig. Er enthalte nichts Neues, schreibt die Partei in einer Mitteilung. «Alle wussten, dass hohe Förderbeiträge ausbezahlt werden und dass, obwohl die Überschneidungen offensichtlich sind, die Institutionen selbst das Überangebot nicht sehen wollen.» Wo die konkreten Handlungsfelder lägen, wo fokussiert werden solle, werde nicht geklärt. Die FDP vermutet, der Stadtrat und die Kulturabteilung wollten heikle Entscheidungen bis nach den Wahlen im März 2018 verzögern.

«Neumarkt» kann vorerst aufatmenDaniel Fritzsche 3.11.2016, 05:30

In den grossen Linien gibt sich der Zwischenbericht mit dem Status quo zufrieden. Punktuell ortet er «Entwicklungsbedarf», wie es so schön heisst. Das Theater am Hechtplatz könnte zum Beispiel aus der städtischen Verwaltung ausgelagert werden. Zudem sollten sich die Häuser einem breiteren Publikum – nicht nur dem Bildungsbürgertum – öffnen. Der Tanz soll ein stärkeres Gewicht erhalten; auch das Theater für junges Publikum sei immer noch «unterbewertet». Aus den Interviews geht zudem hervor, dass Zürich als Standort in den letzten Jahren gefühlt an Wert eingebüsst habe. Die Theaterstadt sei «nicht mehr tonangebend in der Schweiz», beklagen die Kulturschaffenden.

Die Frage steht im Raum, wie sich dies ändern soll. Bis Ende Jahr werden nun Szenarien und Verbesserungsvorschläge ausformuliert. Wiederum nehmen die betroffenen Häuser am Prozess teil. Bahnbrechende Ideen und grundlegende Umwälzungen im Fördersystem sind darum nicht zu erwarten. Dafür ist man im Zürcher Kulturkuchen wohl doch viel zu zufrieden mit sich selber.

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