Corine Mauch: «Wir geben lieber noch etwas mehr Geld aus und haben dann auch etwas davon»

NZZ Irène Troxler und Urs Bühler28.5.2019

Für Stadtpräsidentin Corine Mauch steht fest: «Die Diskussion um den Pfauen zeigt, welch grosse Relevanz das Theater in Zürich hat.» (Bild: Joël Hunn / NZZ)
Für Stadtpräsidentin Corine Mauch steht fest: «Die Diskussion um den Pfauen zeigt, welch grosse Relevanz das Theater in Zürich hat.» (Bild: Joël Hunn / NZZ)

INTERVIEW

Stadtpräsidentin Corine Mauch verteidigt die Neubaupläne für die Pfauenbühne. Sie warnt aber davor, in der Zürcher Kulturpolitik nur von den Leuchttürmen zu sprechen.

Frau Stadtpräsidentin, wie geht es Ihrer operierten Schulter?

Jeden Tag ein bisschen besser – mit Betonung auf «ein bisschen». Sie ist einfach noch sehr steif.

Wir möchten mit Ihnen über die Zürcher Kultur sprechen, und da planen Sie eine grössere Operation: Sie wollen die Pfauenbühne abbrechen und die Innenhof-Überbauung durch einen Neubau ersetzen. Hat Sie die scharfe Kritik an diesem Vorhaben auf dem falschen Fuss erwischt?

Nein, damit muss man immer rechnen. Der Sanierungsbedarf wird ja von niemandem infrage gestellt, so wie auch wir den denkmalpflegerischen Wert des Saals anerkennen. Wir haben aber eine Güterabwägung gemacht. Und wenn wir viel Geld investieren, ohne dass ein Nutzen entsteht für das Publikum, die Kunst und das Personal, ist das unbefriedigend. Wir geben lieber noch etwas mehr Geld aus und haben dann aber auch etwas davon. Wir erhalten ja auch Reklamationen, der Saal sei muffig und altbacken.

Die Stadt hat in dieser Sache Nichtbesucher befragt. Sollte sie nicht eher Besucher befragen?

Die Frage, wieso Leute nicht kommen, sagt doch einiges über das Image des Hauses aus.

Vielleicht hat ihr Fernbleiben ja weniger mit dem Haus als mit der gebotenen Kunst zu tun?

Die Umfrage bestätigt, dass die Unattraktivität des Orts als wichtiger Grund für den Nichtbesuch genannt wird. Die Probleme für Publikum und Kunst sind bekannt: Die Sicht und die Akustik sind auf zu vielen Plätzen schlecht, Neben- und Hinterbühnen fehlen, was den Betrieb stark einschränkt. Und das enge Foyer entspricht einfach nicht einem zeitgemässen Theaterbetrieb.

Sie sehen das Foyer als entscheidendes Element eines Theaters an?

Der Theaterbesuch ist ein Gesamterlebnis. Man will sich auch vorher und nachher wohl fühlen. Und ich liste nur die Mängel auf. Davon gibt es viele. Nun ist das Verfahren für die Entlassung aus dem Denkmalschutz aber sowieso sistiert. Wir haben ja vom Parlament eine Motion überwiesen bekommen mit dem Auftrag, Varianten vorzulegen. Ich begrüsse das.

Können Sie denn jetzt beziffern, wie viel mehr ein Ersatzneubau für den Saal kosten würde als eine reine Sanierung?

Nein, so weit sind wir noch nicht. Gegenwärtig werden die Machbarkeitsstudien verfeinert, es gibt noch kein Projekt.

Das alte Haus mag Mängel haben. Aber was ist mit seiner kulturhistorischen Bedeutung? Hier atmet man doch die grossartige Theatergeschichte Zürichs.

Ja, das ist selbstverständlich eingeflossen in unsere Güterabwägung und wurde hoch gewichtet. Wir wollen weiterhin eine Guckkastenbühne mit Repertoiretheater im Pfauen, wir machen keinen zweiten Schiffbau. Es braucht einfach zeitgemässe Voraussetzungen, damit wir an diesem historisch bedeutenden Ort auch in Zukunft grosses Theater erleben können.

Es gibt Fachleute, die sagen, der bestehende Saal könnte nach einer sanften Renovation durchaus weiterhin geeignet sein für ein modernes Theater.

Wir stützen uns auf die Angaben der Verantwortlichen und der Mitarbeitenden des Schauspielhauses. Ich gehe davon aus, dass diese aufgrund ihrer täglichen Erfahrung wissen, wovon sie sprechen. Es kann schon sein, dass andere Experten das anders sehen. Die Welt verändert sich. Denken Sie nur daran, was alles im Bereich Digitalisierung passiert. Die Kulturförderung muss mit solchen Veränderungen mitgehen.

Wie wichtig ist denn das Theater heute noch für die grossen gesellschaftlichen Debatten, beispielsweise im Vergleich zum Film?

Die Diskussion um den Pfauen zeigt, welch grosse Relevanz das Theater in Zürich hat. Ich finde es aber völlig falsch, die verschiedenen Kultursparten gegeneinander auszuspielen. Manche haben lieber Theater, andere sehen lieber Filme, viele nutzen beides. Wenn die Sparten anfangen, gegeneinander zu kämpfen und einander zu beneiden, dann verliert die Kultur als Ganze.

Das Schauspielhaus erhält mehr als fünfmal so viel städtische Gelder wie der Film. Sollte das nicht in einer Relation zu Relevanz und Wirkung stehen?

Das ist das Ergebnis eines permanenten Diskurses. Wir haben in der letzten Legislatur eine massive Erhöhung zugunsten des Films erreicht und in einer anderen Periode die freie Szene gestärkt. Zur Vielfalt des kulturellen Lebens tragen wir gerade auch mit vermeintlich unspektakulären Massnahmen bei, etwa indem wir die Ateliervergabe neu geregelt haben. Ich finde es falsch, wenn man immer nur von den Leuchttürmen spricht.

Jüngst ist ein neues Förderkonzept für Theater und Tanz präsentiert worden. Vorher war von möglichen Überschneidungen bei den Angeboten und von Sparpotenzial die Rede. Nun wird gar nichts in andere Sparten umgelagert.

Die Prämisse war Budgetneutralität. Wir haben die Arbeit nicht begonnen mit der Idee, dass das ein Sparprojekt wird. Das habe ich auch von Anfang an gegenüber den rund siebzig beteiligten Zürcher Kulturschaffenden klargestellt, die uns in diesem komplexen Prozess unterstützt haben. Als zentrale Neuerung sticht nun die Umstellung auf eine Konzeptförderung hervor. Das erhöht die Durchlässigkeit und die Chancen für neue Ideen und Initiativen. In den letzten fast drei Jahrzehnten wurde die Kulturförderung immer additiv entwickelt, nie aus einer Gesamtschau heraus, wie wir es hier getan haben.

«Aus kulturpolitischer Perspektive hat man im Parlament jetzt sichere Mehrheiten», sagt Corine Mauch über den Gemeinderat. (Bild: Joël Hunn / NZZ)
«Aus kulturpolitischer Perspektive hat man im Parlament jetzt sichere Mehrheiten», sagt Corine Mauch über den Gemeinderat. (Bild: Joël Hunn / NZZ)

Die augenfälligste Neuerung ist das geplante Kindertheaterhaus. Ist das wirklich dringlich?

Da haben wir ein Defizit, ja. Es betrifft unsere am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe, die 10- bis 19-Jährigen.

Es gibt private Anbieter, die schon viel für den Nachwuchs tun in diesem Bereich.

Das ist richtig. Wir wollen ergänzend und zusammen mit ihnen etwas machen, kein Konkurrenzprodukt auf die Beine stellen. Es soll auch ein Haus für die freie Szene sein, für die wir ja ebenso neu einen unkuratierten Raum und ein Produktionsbüro anbieten.

Das Bauprojekt für den Pfauen erntete auch aus Ihrer Fraktion Kritik. Seit den Wahlen hat sich das Verhältnis zum Gemeinderat wohl etwas verändert, die Machtverhältnisse haben sich dort von einer bürgerlichen zu einer rot-grünen Mehrheit verschoben.

Aus kulturpolitischer Perspektive hat man im Parlament jetzt sichere Mehrheiten. Vorher war es oft eine Zitterpartie mit extrem wackligen Mehrheitsverhältnissen. Die Erhöhung der Beiträge an die Filmstiftung wurde zum Beispiel mit dem knappstmöglichen Resultat angenommen.

Auch bei Themen wie dem Stadion liegen Sie mit der eigenen Partei im Clinch.

Das gibt es. Die Exekutive ist viel stärker mit der Frage der Machbarkeit konfrontiert als ein Parlament und eine Partei. In der grossen Linie aber überwiegen die Gemeinsamkeiten mit meiner Partei deutlich die paar Punkte, in denen jetzt Differenzen aufgepoppt sind.

Die Parteistrategen machen schon Planspiele für die Wahlen 2022.

Ach ja? Ich gehöre in dem Fall also nicht zu den Parteistrategen?

Sind Sie noch nicht im Gespräch darüber, wie lange Sie noch weitermachen?

Natürlich nicht. Das ist für mich überhaupt kein Thema. Ich bin ja erst vor einem Jahr wiedergewählt worden.

Was soll als Ihre grösste kulturpolitische Errungenschaft in Erinnerung bleiben, wenn Sie, sagen wir in acht Jahren, einmal zurücktreten?

(Lacht.) Wenn andere mit 67 Jahren immer noch arbeiten, warum sollte ich das nicht auch können? Was Ihre Frage betrifft: Ich will das nicht an einem Projekt festmachen. Es geht darum, wach und offen zu bleiben für das, was passiert in der kulturellen Szene, und mitzugehen. Das verlange ich von uns. Wir machen nicht Kultur, sondern Kulturförderung: Wir ermöglichen, setzen Rahmenbedingungen, sind im Austausch und müssen uns selbst immer wieder hinterfragen: Sind wir richtig aufgestellt für gesellschaftliche Entwicklungen und neue Kulturformen?

Worum geht es da konkret?

Da geht es zum Beispiel um Vielfalt und Teilhabe, da haben wir in den letzten vier Jahren vorwärtsgemacht. In meiner Amtszeit sind die Ausgaben pro Kopf in einer wachsenden Stadt etwa gleich geblieben, rund 70 Rappen pro Kopf und Tag. Wir investieren in Kultur, und das ist wichtig und nötig: Kultur ist für mich etwas absolut Essenzielles für unsere Gesellschaft, für das Zusammenleben, für Experimente, für Innovation, für Debatten und Auseinandersetzungen, gerade in einer so extrem schnelllebigen Zeit wie heute. Das hat einen Wert und einen Preis.

Aus den Mündern der Kulturförderer klingt das oft so, als gäbe es ohne staatliche Subventionen gar keine Kultur.

Nein, das sage ich nicht. Aber es gäbe ein weniger breites, also ein ärmeres Kulturangebot. Wie ich gerade gesagt habe: Wir machen keine Kultur, wir ermöglichen eine Kultur, und zwar eine, die sonst nicht stattfinden würde. Da gibt es aber noch die Formen, die ohne Subventionen existieren, zum Beispiel Musicals, und das ist genauso wertvoll.

Auch Kinos kommen ohne direkte Betriebssubventionen aus. Nehmen wir an, ein weiteres Studiokino in der Altstadt stünde vor dem Aus: Könnten Sie sich vorstellen, dazu beizutragen, dass diese Kultur an diesem Ort weiterhin stattfände?

Im Moment haben wir ja eher die gegenteilige Entwicklung, es gehen immer neue Kinos auf, wie das Beispiel des Kosmos zeigt.

Aus der Innenstadt ziehen sie sich zurück.

Es sind extrem schwierige Zeiten für Kinos. Wir müssen eine Antwort darauf finden, aber das ist nicht nur Sache der Förderung. Natürlich, wir kaufen ja sehr gerne Häuser und Land: Die Stadt könnte zum Beispiel sagen, wir erstehen das Haus unter der Bedingung, dass das Kino darin überlebt. Aber es müsste eine tolle Idee geben, was da künftig mit eigenständigem Profil und nachgewiesenem Bedarf stattfinden soll, ohne einfach etwas Bestehendes zu konkurrenzieren. Zudem hat die Stadt ja schon ein eigenes Kino.

Das Filmpodium, also ein Programmkino. Ein weiteres, das Xenix, wird subventioniert und kämpft seit Jahren ums Überleben. Bei Ihrem oben skizzierten Vorschlag käme ja wohl ein drittes Programmkino heraus, und dies im Streaming-Zeitalter.

Wenn wir drei Programmkinos hätten, die sich im Profil unterscheiden und ihr Publikum finden würden, warum nicht? Vergleichbare Nutzungsfragen stellen sich ja auch in anderen Bereichen, etwa bei der Maag-Halle. Das ist ein sehr erfolgreiches Provisorium, ein Riesenglück: Der Tonhalle gelingt es, mit diesem anderen Standort auch ein jüngeres Publikum anzusprechen. Die Besitzer der Immobilie finden diese kulturelle Belebung gut, die Stadt ebenso. Es hat aber sicher keinen Sinn, dass dann die Institution durch sich selbst oder durch andere konkurrenziert wird, wenn sie wieder zurückzieht in die Tonhalle. Dafür bauen wir diese nicht für viel Geld um. Die Stadt hat eine Potenzialstudie für die Maag-Halle erstellen lassen, das ist unser Beitrag. Dabei zeigte sich, dass so etwas nicht selbsttragend funktionieren kann. Aber es kann nicht unsere Aufgabe sein, da den Lead zu übernehmen. Es braucht eine Trägerschaft und ein überzeugendes Konzept.

Einen erfreulichen Neuanfang hat es soeben für das Le-Corbusier-Haus im Seefeld gegeben. Nun wird aber von manchen Seiten moniert, man habe dort die Chance einer Einbettung in andere Angebote der Umgebung vergeben.

Gut, dass Sie das erwähnen. Ich hatte soeben eine Besprechung mit dem Leiter des stadträtlichen Projektstabs, der mir den Stand der Weiterentwicklung einer Museumslinie des Trams 4 präsentiert hat. Daran studieren wir schon länger herum, und wir waren schon dran, bevor das Thema nun in den Medien wieder aufgebracht wurde.

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