Anmerkung zur jüngsten Vergabe der Schweizer Tanzpreise

Mit den Schweizer Tanzpreisen sollen herausragende choreografische und tänzerische Leistungen honoriert und gefördert werden. Doch offensichtlich dient die Auszeichnung derzeit vor allem einem anderen Zweck.

Lilo Weber

Keine Chance für Tanzproduktionen an den Stadttheatern? Christian Spucks mittlerweile international ausgezeichnete «Winterreise» am Opernhaus Zürich ging jedenfalls leer aus. (Bild: Gregory Batardon / Opernhaus Zürich)

 

 

Maria Ribot erhält den Schweizer Grand Prix Tanz des Jahres 2019: La Ribot ist die Queen of Swiss Dance. Die in Genf lebende spanisch-schweizerische Choreografin und Tänzerin ist ein Urgestein der Schweizer Performance-Szene. Maria Ribot hatte sich schon früh der Verbindung von bildender Kunst, Videokunst und Tanz verschrieben, hat Live-Art gemacht, als der Konzepttanz noch nicht in der Schweiz angekommen war. Und sie ist sich treu geblieben. Bis heute werden ihre Serien der «Distinguidas», ihrer kurzen, ausgezeichneten Stücke, in Museen und Theaterhäusern gezeigt, frisch und frech wie eh und je. Und wieder und wieder überrascht sie uns mit neuen Ansätzen. Sie arbeitet mit und nicht auf dem Körper – wie man das heute da und dort sieht; sie bespricht nicht den Körper, sie bespielt ihn. Grossartig!

Man würde dieser aussergewöhnlichen Künstlerin als Trägerin des mit 40 000 Schweizerfranken dotierten Schweizer Grand Prix Tanz allerdings ein Umfeld wünschen, das aus der ganzen reichhaltigen Tanzlandschaft Schweiz gebildet wird. Dem aber ist nicht so.

Nicht gewürdigt

«Die freie Szene räumt ab» – so lautete 2015 der Titel meines Berichts in der NZZ zur Verleihung der Schweizer Tanzpreise des Bundesamts für Kultur (BAK): Damals gingen sieben der acht Preise an die freie Szene. Dies widerspiegle in keiner Weise den Zustand der Schweizer Tanzkunst, schrieb ich damals. Denn die festen Ensembles der Opern- und Stadttheater leisteten auch hervorragende Arbeit. Zwei Jahre später musste ich mich wiederholen. Die Tanzpreise 2017 gingen sogar alle in die freie Szene, die Arbeit an den Institutionen wurde wiederum nicht gewürdigt.

Dieses Jahr zeigt sich dasselbe Bild, in Reinkultur: Sämtliche Preise 2019 gehen wiederum an die freie Szene. Der Spezialpreis von 40 000 Franken geht an Dominique Martinoli für ihre Netzwerkarbeit im Jura. Im Wettbewerb «Aktuelles Tanzschaffen» wurden Stücke von Cindy Van Acker, Teresa Vittucci, Teresa Rotemberg und der Compagnie Linga ausgezeichnet. Für diese Preise in Höhe von 25 000 Franken müssen Produktionen eingereicht werden. Leider würden die institutionellen Ensembles dies nur zögernd tun, war in früheren Jahren aus der Jury zu hören. Eine Umfrage bei den Ensembles an Deutschschweizer Theatern aber zeigt, dass sie sich dieses Mal sehr wohl mit Produktionen beworben haben. Darunter ist auch Christian Spucks grossartige, dicht gefügte, international hochgepriesene «Winterreise» mit dem Ballett Zürich.

Selbstredend ist es der Jury überlassen, ob sie solche Arbeiten auszeichnen will oder nicht. Zu fragen ist indes, wie offen der Wettbewerb ist. Irritierend wirkt besonders, dass die Preise für die «herausragende Tänzerin» und den «herausragenden Tänzer», dotiert mit je 25 000 Franken, ebenfalls in die freie Szene gehen. In der kurzen Geschichte des Schweizer Tanzpreises wurde nur gerade einmal eine Tänzerin aus einer institutionellen Kompanie ausgezeichnet: 2013 Yen Han, Erste Solistin am Opernhaus Zürich. Seither gingen alle Tänzerpreise an Freie, meistens an solche, die selber Stücke kreieren, also eigentlich Choreografen sind – wie dieses Jahr an Marie-Caroline Hominal und Edouard Hue. Das ist erklärungsbedürftig, haben wir doch an den institutionellen Kompanien zahlreiche wunderbare Tänzerinnen und Tänzer.

Falscher Zweck?

Wer regelmässig Tanzvorstellungen an den Stadttheatern in der Schweiz besucht, kann einen Jan Casier in Zürich, eine Sandra Salietti Aguilera in Luzern oder einen Winston Ricardo Arnon in Bern nicht übersehen (um nur einige ganz wenige zu nennen). Es fragt sich einmal mehr, zu welchem Zweck die Tanzpreise gesprochen werden: Exzellenz auszeichnen und fördern – oder Mittel für die weniger gesicherten Tanzschaffenden bereitstellen?

Für den zweiten Zweck sind Preise das falsche Mittel. Indes findet die Tanzpreis-Verleihung am 17. Oktober dieses Jahres voraussichtlich ohnehin zum letzten Mal statt. Ab 2021 sollen die Tanzpreise gemäss der neuen Botschaft zur Förderung der Kultur in den Jahren 2021 bis 2024 des Bundesrats gemeinsam mit den Schweizer Theaterpreisen jährlich unter dem Titel «Schweizer Bühnenpreise» vergeben werden. Das soll an einer Veranstaltung geschehen, die auch Zirkus, Strassentheater, Performance und Figurentheater umfasst und an der nicht zuletzt der Hans-Reinhart-Ring vergeben wird.

3 Gedanken zu „Anmerkung zur jüngsten Vergabe der Schweizer Tanzpreise“

  1. Nun ja. Hier mag man denken, was man will. Warum kommt die freie Szene so schlecht weg? Und wer ist überhaupt freie Szene? Das überlappt sich doch total.
    Meiner Meinung nach tut diese Art von Präsenz in den Medien dem zeitgenössischen Tanz generell nicht gut.
    In erster Linie sollten wir doch allen gratulieren, die einen Preis gewonnen haben.

    1. Da bin ich einverstanden. Aber Lilo Weber hat schon Recht wenn sie sagt, dass diese Preise nicht dazu da sein sollten, um die schlecht finanzierten freien Tanzschaffenden zu unterstützen, sondern um die herausragendsten Stücke und Tänzer*innen der Schweiz auszuzeichnen. Ich sehe da eine grosse Schwierigkeit, die Leistungen innerhalb der freien Szene mit denen an den festen Häusern zu vergleichen. Da müsste auch die Zusammensetzung der Jury angeschaut werden.

  2. Finde den Artikel extrem negativ. Der zeitgenössische Tanz und die freie Szene haben im Vergleich zu den Institutionen viel weniger Publicity. Jede*r Normalbürger*in weiss auch ohne Preis wer Spuck ist, aber La Ribot ist vielleicht erst seit dem Preis für manche ein Begriff. Ist doch super!

    Vielleicht könnte es ja auch sein, dass die freie Tanzszene mega lässig und mega gut ist und ihre Preise verdient hat weil sie trotz der Absenz von kontinuierlichen Arbeitsbedingungen, wie sie die Stadttheater-Schaffenden im Vergleich haben, trotzdem super Sachen macht?

    Und warum schreibt eigentlich Lilo Weber, die wiederholt öffentlich in diversen Artikeln über die freie, performance lastige, langweilige freie Szene herzieht alle diese Artikel? Finde ich irgendwie respektlos. So kommen wir doch nicht weiter.

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