Wandtänzerinnen und Grenzgängerinnen

«Von Oben Herab»

von der Cie. Kopfsprung – Vertikales Tanztheater, Dynamo Jugendkulturhaus, Zürich, 22. Juni 19

 

Zwei Frauen – beides Absolventinnen der Accademia Teatro Dimitri in Verscio – seilen sich ab. Wortwörtlich. An öffentlich zugänglichen Hausfassaden – mindestens drei Stockwerke, sonst funktioniere es technisch nicht und mache auch weniger Spass – schauen Rebekka Gather und Roxane Kalt zunächst aus den Fenstern. Musik (Martin Theurillat) erklingt; ein Plakat orientiert Passant*innen über die 30-minütige ortsspezifische Performance „Von Oben Herab“. Die beiden grotesk kostümierten Frauen lassen Geranien Geranien sein und brechen aus ihrem trauten Daheim aus und auf zu neuen Ufern – in der Vertikalen. Ihre Vision, die Welt doch einmal „anders“ zu sehen, etwas zu wagen, erschallt durch ein Megaphon.

Einige Regentropfen fallen vom Himmel, aber Roxane Kalt und Rebekka Gather stehen mit beiden Füssen fest auf der Aussenfassade des Jugendkulturhauses Dynamo, angeschnallt an einem Kletterseil. Dieses verleiht ihnen Schwerelosigkeit, lässt sie Rad schlagen, schweben und Überschläge machen, bis sie unten ankommen – und nach dem wohlverdienten Applaus um Kollekte bitten…

Das ist das Los der (u. a.) Strassenkünstler*innen, die mit ihrem ersten gemeinsamen Projekt zwar choreografisches Neuland „WandTanzTheater“ beschreiten, indem sie die Geschichte zweier wagemutiger Nachbarinnen erzählen – mit Text (Rebekka Gather), Gesang (Roxane Kalt) und Tanz an der Wand – , aber noch zwischen die Genres im Theaterbetrieb fallen. Wende man sich mit dieser Intervention im öffentlichen Raum an Passant*innen, dürfe die Choreografie nicht zu komplex und abstrakt sein, sonst bleibe niemand stehen. Und dieses technisch gesehen anspruchsvolle Format lebt von der Interaktion mit einem unberechenbaren Publikum: Zwischenrufe und -applaus beflügeln die Artist*innen. Dennoch muss jeder Handgriff sitzen, sonst wird es gefährlich. Kommt man hingegen zu diesem Stück mit dem Anspruch, eine ausgefeilte Choreografie „einfach“ in der Vertikalen serviert zu bekommen, kommt man zu kurz. Denn zum Einen bleibt die Dramaturgie zu sehr im Nummernhaften stecken, wodurch die Entwicklung der eingangs etablierten Figuren nicht schlüssig dargestellt wird. Zum Anderen ist tänzerisch gesehen, vor allem was Arme und Oberkörper betrifft, eben doch nicht so viel möglich wie am Boden, obschon Roxane Kalt und Rebekka Gather ihr W/Handwerk beherrschen.

Dennoch bleiben tolle Momente in Erinnerung: Ein spielerischer Ringkampf in Slow Motion und flugs lösen sich die Frauen wie attackierende Ninjas von der Wand, um sogleich – „tombé pas de bourrée“ – in eine Art klassischen Pas de Deux zu fallen – mit Portés und Grand Jetés. Dass sie bei den grossen Sprüngen weiter fliegen und länger in der Luft bleiben als Ballerinas, liegt auf der Hand/am Seil.

 

Weitere Aufführungen:

  1. und 13 Juli, 19:00 und 21 Uhr, Dynamo (Aussenwand)
  2. Juli sowie 23./24. August, 21 Uhr, Holzpark Klybeck, Basel
  3. September, 20 Uhr, Unternehmen Mitte, Basel

 

Evelyn Klöti

 

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