Von Mann zu Mann zu Mann / tina mantel

Bericht von Evelyn Klöti 

Tina Mantel #mann tanzt Kulturmarkt 26. Januar 2019 (Premiere am 23. Januar)

Ode an die Freundschaft

Tina Mantel zeigt im Zürcher Kulturmarkt, was Männer so machen, wenn sie unter sich sind. „Von Mann zu Mann zu Mann“ ist bereits die dritte Produktion der Gruppe #manntanzt und die wärmste und bunteste.

„Men only“ lautet die Devise auf der Bühne, und „Für Männer mit Bewegungslust jeden Alters“ ist das Tanztraining, das Tina Mantel seit Jahren anbietet. Bei den acht Laientänzern, etwa 40 aufwärts, die sich neben Arbeit und Familie an ein Stück wagten, haben Improvisation und Körperschulung in der Tat Erstaunliches zutage gebracht.

Angestachelt und getragen von den Klängen und Beats des Mundharmonika-Virtuosen Daniel Hildebrand – diskret präsent am Bühnenrand -, entfaltet sich das erste Solo, lockt die Gruppe an. Weich und fliessend sind die Bewegungen, das Postmodern-Geschlenker ist nicht zu übersehen. Kein Mann tanzt so verspielt und selbstvergessen im Club, geschweige denn auf der Strasse. Alle sind sie mutig im individuellen Ausdruck, und es braucht Zeit, sich an allen Körpern und Gesichtern satt zu sehen. Wie alt ist dieser Grosse? Was macht jener wohl im Leben? Eine Krawatte hat sich jeder Mann einmal umgebunden, aber einen Karate-Gurt als Schlips?

Wie Männer Beziehungen tanzen, präsentiert sich als dramaturgisch geschickt aufgebautes Spiel der acht bunt gekleideten Männer mit den farbigen Gürteln. Da werden – Grüezi! – Begrüssungsrituale inszeniert und Hierarchien humorvoll unterlaufen. Man(n) umarmt sich flüchtig, klopft sich auf die Schulter – im Alltag ist das meist das Maximum an Körperkontakt. Auf der Bühne aber ist zum guten Glück alles erlaubt und führt mitunter schmerzhaft vor Augen, was im Leben, in der Geschäftswelt, halt einfach nicht geht. Zum Beispiel innige Umarmungen, einen verführerischen Tango, aneinander gefesselt mit einem Karate-Gurt, spielerische Hahnen-Kämpfe und entfesselte Tänze im Kreis.

Dazwischen Texte über den besten Freund – und wie man zu ihm steht. „Fründ? Oder Fründ-Fründ?“ Das ist eine der vielen Fragen. Ein Mann, der sich ohne Worte – Telepathie! – mit seinem Kindergarten-Freund versteht, aber auch einer, der mit seinem besten Freund Geschäftsideen ausheckt, aber doch nicht zusammen „geschäftet“, weil sonst die 30-jährige Freundschaft Gefahr liefe, auseinander zu brechen. Ein anderer erzählt vom frühen Verlust seines besten Freundes, der Schmerz darüber ist heute noch zu spüren. Weh tut es auch, wenn ein Senior seine Erinnerungen an das Mann-Werden – „Chind, us dir wird nüt“ – ins Publikum wirft.

Das alles könnte schief gehen und in die „Selbsterfahrungstrips in Manager-Seminaren“-Ecke abdriften. Tut es nicht. Im Gegenteil. Denn die Laientänzer befinden sich in professionellen Frauenhänden. Das Vertrauen in Choreografin Tina Mantel und Regisseurin Delia Dahinden ist immer spürbar. Live-Musik, Licht (Antje Brückner) und Kostüme (Natalie Péclard) verleihen dem Stück eine warme Atmosphäre, die berührt und beglückt – und die im Theater nicht oft anzutreffen ist.

Wie gut „Von Mann zu Mann zu Mann“ beim Publikum ankommt, zeigte sich nicht nur in den drei ausverkauften Vorstellungen im Kulturmarkt, sondern auch an den Reaktionen der Zuschauer*innen beim „Tanznachtisch“ am Samstag, 26. Januar. In die Begeisterung angesichts der Ausdruckskraft und des Muts der Performer mischten sich auch Melancholie und Trauer, weil es im Leben eben nicht so frei und innig zu und her geht unter Männern, leider immer noch nicht. Und wie viel einfacher es doch wäre, wenn man(n) sich doch einfach einmal in den Arm nehmen könnte.

Tanz:
Hanspeter Blatter, Eduard Colomer, Edgar Frey, Mark Froesch, Peter Knöpfel, Winu Schüpbach, Lars Sommer, Remo Wiegand

Weitere Vorstellungen:
Luzern – Theater Pavillon: Do 7. März, 20 Uhr
Winterthur – Theater am Gleis: Sa 13. April, 20:15 Uhr, So 14. April, 19 Uhr
Köniz BE – Schosshof: Sa 25. Mai, 20 Uhr
Baden – Claquekeller: Fr 14. und Sa 15. Juni, 20:15 Uhr

www.tanzmehr.ch

Ein Gedanke zu „Von Mann zu Mann zu Mann / tina mantel“

  1. Insgesamt in seiner Kürze ein sehr schöner Bericht über ein – auch meiner Meinung nach – starkes Stück. Eine Passage find ich als Mittänzer allerdings störend: Jene, wonach das Stück nicht schief geht, weil sich die Laientänzer “in professionellen Frauenhänden“ befinden. Wenn man das Bild zuspitzt, vermittelt es den Eindruck einer unbedarften Männertruppe, das nur dank generöser weiblicher Hilfe etwas Präsentables auf die Bühne bringt. Natürlich ist es so, dass die Professionalität der Leiterinnen für das Gelingen des Stücks sehr wichtig ist. Aber hier geht es auch um Sprachbilder, die das Verhältnis zwischen den Geschlechtern konstruieren. Und das ist hier: Mann = (Bewegungs-)Laie, Frau = Profi. Man stelle sich vor, der Satz wäre umgekehrt gestanden: Der Aufschrei der Frauen wäre riesig! Zu Recht würde beklagt, dass patriarchale Denkmuster recykliert würden, Frauen klein gemacht und Männer als die wahren Könner gefeiert würden. Warum soll umgekehrt so ein Satz bei einem Männerprojekt stehen? Ich stehe jedenfalls ungern für ein Projekt gerade, das Frauen auf Kosten von Männern gross macht und damit einen Geschmack von einem revanchistischen Feminismus erhält.

    Remo Wiegand, Tänzer

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