The Tuning Research Group – Ein zweistündiger Event

Instant Composition Festival, Zirkusquartier

8.März 2020 / Tina Mantel

Mit : Peter Aerni, Sunita Asnani, Gianna Grünig, Chris Lechner, Angela Stöcklin, Ivan Wolfe

Es ist eine kleine Gruppe von Anhängern der Instant Composition, die sich an diesem Sonntagabend zum letzten Event des gleichnamigen Festivals im Zirkusquartier zusammenfindet. Die Stimmung ist locker, wir sind vorbereitet auf einen zweistündigen Event wo das Publikum eingeladen ist, «nach eigenem Bedürfnis beizuwohnen, sich zurückzuziehen, wiederzukommen.» (Programmtext)

Die fünf Tänzerinnen und Tänzer aus Bern und Zürich (Ivan Wolfe ist verletzungshalber nicht auf der Bühne) sind in reger Aktion, als wir eintreten. Wir verteilen uns auf den Stühlen, die in vier Ecken auf der Bühne verteilt sind, oder auf der kleinen Zuschauertribüne. Von diesem Moment an beginnt das Eintauchen in einen Raum der Aufmerksamkeit und Präsenz, der die Tanzenden umgibt wie ein Gewässer. Keine choreografische Hand ordnet die fliessend oder abrupt auftauchenden Bewegungen. Alles bewegt gleichzeitig in einem dichten Geflecht von Linien, Kurven, Schnörkeln und Sprenkeln, gezeichnet von fünf Körpern im Raum. Als Beobachterin habe ich die Wahl, wohin ich meine Aufmerksamkeit schicke, wie lange ich bei einer Tänzerin verweile oder ob ich versuche, das Geschehen als Ganzes wahrzunehmen. Meine Augen werden zur choreografischen Instanz, die eine Struktur sucht im Bewegungsfluss, der sich von Moment zu Moment entfaltet.

Entziffern – das ist es, womit ich immer wieder beschäftigt bin an diesem Abend.
Zunächst möchte ich die verschiedenen Körper und ihr Bewegungsvokabular aufschlüsseln: Eine Tänzerin scheint mit dem ganzen Körper zu atmen, ihre Bewegungen strömen in den Raum bis sie in einer Suspension anhalten. Ein Mann bleibt jeweils einer Bewegung treu, wiederholt sie mehrmals, wie um sie besser kennen zu lernen. Angela Stöcklin, die auch Initiatorin des Festivals ist, zeigt einen Bewegungsfluss der überrascht, organisch und doch schwer vorhersehbar. Ein Mann ist schwer zu fassen, sprunghaft ändert er seine Bewegungsqualität und -richtung. Die fünfte Tänzerin wirkt geerdet, sinnlich, den Impulsen aus dem Becken folgend.
Es dauert etwa zwanzig Minuten, bis ich diese unterschiedlichen und doch sehr verwandten Bewegungssprachen für mich eingeordnet habe. Das weiss ich, weil eine Uhr gut sichtbar an der Wand lehnt und ich verfolgen möchte, was mit meinem Zeitgefühl geschieht während diesem Event. Ich spüre keine Unruhe oder Erwartung, sondern Offenheit für das, was noch kommt.
Plötzlich stellen sich alle an den Rand der Bühne und später erfahren wir, dass jetzt die Tuning Scores nach Lisa Nelson beginnen. Der Auftakt war «nur» das Aufwärmen, bei dem ich gut noch länger hätte zuschauen können. Doch nun werden Anordnungen gerufen und befolgt, und ein weiterer Entzifferungs Prozess beginnt: was bedeuten die Worte (leider zu leise gesprochen) und wie werden sie von den einzelnen Tänzerinnen und Tänzern beantwortet. «Go, enter, pause, replace, end, single image, fast forward, repeat …» sind «Calls» welche die Tanzenden einander von aussen oder von innen geben. Eine Spielanordnung wie man sie kennt, wenn man sich mit improvisiertem Tanz beschäftigt hat. Was hier aussergewöhnlich ist: die Performer tanzen (fast) ausschliesslich mit geschlossenen Augen, und die Anordnungen kommen von den Tanzenden selbst. Das unterstreicht ihre Rolle als Komponist*innen der im Moment entstehenden Choreografie.

Lisa Nelson ist eine amerikanische Tanzschaffende, die sich seit den 1970er Jahren mit Improvisation und Instant Composition auseinandersetzt. Seit den 1990er Jahren arbeitet sie mit The Tuning Score, ein Kommunikations und Feedback System für eine Gruppe von Spielern, die gleichzeitig als Regisseure, Performer und Zuschauer agieren. The Tuning Score wurde in Museen und Kunstzentren auf der ganzen Welt praktiziert. Doch ist er nicht nur eine performative Struktur sondern wie Lisa Nelson beschreibt:

a diagnostic tool for human behaviour at large, it makes us consider movement ideas and possibilities that are normally left out of the picture, with an eye for the unravelling idiosyncracies, cultural decorum and our survival of their intricate intertwinings. (1)

Zurück auf die Bühne, wo das Spiel von verbalen Anleitungen, den Calls und ihrem Befolgen auch etwas Repetitives hat. Darf rebelliert werden? Etwas anderes gemacht werden als gerufen wurde? Die Calls von innen, von den Tanzenden selbst, sind da eine willkommene Abwechslung. Das «end» einer Solistin setzt einen befriedigenden Schlusspunkt, ohne Pathos. Und ja, sie tanzen immer noch mit geschlossenen Augen. Dafür müssen sie ihren kinästhetischen Sinn und die Rezeptoren auf der Oberfläche ihrer Haut extrem schärfen. Im Publikumsgespräch wird von einer Art Nebel gesprochen, der um die Performer*innen herum wahrnehmbar ist. Die Luft verdichtet sich in gewissen Momenten, wenn Übereinstimmungen zwischen zwei oder mehr Tänzerinnen entstehen, die nur von aussen sichtbar sind. Das hat etwas Magisches und berührt, ohne dass man weiss weshalb, wie ein Zuschauer bemerkt.

Die Zeit fliesst unbemerkt und es ist eine solche Konzentration im Raum, dass niemand von der Option Gebrauch macht, ihn zeitweilig zu verlassen. Plötzlich tauchen absurde Objekte auf, kleine, gelöcherte Teppiche aus Karton, die Geräusche hervorbringen und als Maske oder Kopftuch getragen werden, zur Prothese werden oder im Raum herumfliegen. Das Spiel mit dem Material bringt eine greifbare, konkrete Ebene in den Raum. Trotzdem dauert sie mir etwas zu lang, eröffnet mir das Objekt zu wenig Assoziationsraum.
Habe ich erwähnt, dass es keine Klänge, keine Musik gibt? Wie beim Schreiben habe ich diesen Umstand auch beim Zuschauen vergessen. Die im Augenblick komponierten und komponierenden Körper sind Klang genug. Musik würde die Resonanz zwischen den Tanzenden und uns Zuschauenden vielleicht übertönen.

Der Abschluss des zweistündigen Events kommt wohl für alle überraschend und etwas früher als geplant. Doch ist er durchaus stimmig: mit dem Öffnen des hinteren Vorhangs wird der Blick auf Bälle und Matten frei. Das sind Utensilien des Zirkusquartiers, Heimat für Artistinnen und Akrobaten und immer mehr auch Tänzerinnen aus Zürich. Zum Glück, sonst könnte dieses kleine Festival, das schon zum zweiten Mal zu Gast im «Ort für neuen Zirkus» war, vielleicht nicht stattfinden.

(1)
http://olga0.oralsite.be/oralsite/pages/Testpage_Lisa_Nelson_(general)/

13.3.2020

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