Tanz im Innern eines Computers

Female Frequency 2038
A Dance-Theatre Performance & Panel Discussions
Von Marine Besnard, Sonntag 15.9.2019

Vor genau zwei Jahren wurde das Kraftwerk im ehemaligen Elektrizitätswerk in Zürich eröffnet. Die älteren unter uns erinnern sich an Tanzaufführungen, zum Beispiel von Denise Lampart oder Gisela Rocha, die dort Anfangs der 90er Jahre stattfanden. Nun ist daraus «ein schweizweit einzigartiger Ort für Innovation und Kollaboration» geworden, mit Meeting- und Workshop Räumen, einem einladenden Café und einer Eventhalle, die nun zum ersten Mal (wieder) für den Tanz genutzt wird. Hier findet der erste Teil von Marine Besnards Stück statt und er bietet eine grossartige Kulisse für die vier jungen Tänzerinnen. Zwölf Schiffscontainer sind auf drei Ebenen übereinander gestapelt. Darin tanzen die Frauen hinter verglasten Öffnungen, getrennt voneinander und vom Publikum. In grauer Fitnessbekleidung (Kostüme Sabrina Bossard) und zur düster dynamischen Musik von Charles Mugel zeigen sie eine spannungsvolle Mischung von organisch fliessenden, emotional geprägten Bewegungen und kontrollierten, ferngesteuerten Moves.

Das choreografische Handwerk der jungen Choreografin zeigt sich in der gekonnten Mischung von individuell gestalteten Bewegungsabläufen und unvorhersehbaren synchronen Momenten zwischen zwei, drei oder allen vier Frauen. Wer vorne sitzt kann nicht alle Tänzerinnen auf den drei Etagen gleichzeitig im Blickfeld behalten. Das Springen des Auges von einem Fenster zum nächsten verstärkt den Eindruck der Isolation. Da beruhigen die bemerkenswerten Videoprojektionen von Sophie Le Meillour das Auge. Senkrecht verlaufende Linien, Punkte oder Binärcodes bringen die Oberfläche der Container in Bewegung und erinnern an Science Fiction Filme. Wir wähnen uns im Innern eines riesigen Computers, die Tänzerinnen und vielleicht auch wir sind Teil davon.
Nach einem kraftvollen Solo von Ambra Peyer gehen die Lichter in den Containerfenstern aus und die Tänzerinnen versammeln sich im Bühnenraum vor der Containerwand. Auf gleicher Ebene wie die Zuschauer wirken sie jetzt fragiler und menschlicher. Wenn die Stimme aus dem Off (ein Computerprogramm mit italienischem Akzent?) ihre persönlichen Eigenschaften vorstellt, reagieren sie fast beschämt. Auch wir befolgen die Anweisungen dieser Stimme, stehen auf und schliessen uns jeweils einer Tänzerin an, um die Halle in unterschiedliche Richtungen zu verlassen.

© Andrea Brunner, Ringier AG

In meinem Fall geht es zuerst in einen sehr schmalen und sehr pink ausgeleuchteten Gang, wo wir uns auf beiden Seiten entlang den Wänden aufstellen müssen. Die agile Tänzerin (Federica Normanno) durchschreitet diesen futuristischen Catwalk in teils absurden, leicht befremdlichen Körperpositionen. Gerne entfliehen wir der körperlichen Enge in den Meeting Room und setzen uns um einen grossen Tisch. Hier tritt uns die Tänzerin Carmelangela Damico als strenger CEO entgegen. Ihre starke Präsenz entlädt sich in explosiven Bewegungsakzenten. Wieder präsentiert uns hier die Choreografin den Kontrast zwischen roboterhafter Kontrolle und Emotionalität. Das kann als Unentschiedenheit gedeutet werden, oder als bewusstes Schillern zwischen menschlichen und maschinellen Impulsen. Im einzigen live gesprochenen Monolog erklärt die Tänzerin: «Robots don’t know who they are», und ich bin mir nicht sicher, ob uns das beruhigen sollte.
Weiter geht der Weg durch die Hinterräume und Treppen des Kraftwerks. Geschickt lenken die Tänzerinnen den Bewegungsfluss des Publikums und unterwegs erhaschen wir Eindrücke des «innovation space» Kraftwerk. Die Durchdringung von Raum und Aktion ist vom künstlerischen Team geschickt konzipiert und die grosse Stärke der Inszenierung.

Als nächstes finden wir uns in einem kleinen Arbeitsraum wieder. Hier lässt Naomi Kamihigashi leuchtende Symbole auf einem Tisch erscheinen, wie wir es aus Filmen kennen, die weiter in der Zukunft spielen als «2038». Gerne wüsste ich, was die Schaltkreise bewirken (sollen) und wie der emotionale Gestus der Tänzerin mit den abstrakten Zahlen und Linien korrespondiert. Kontrolliert die Frau hier die Technologie, oder wird sie vom Programm gelenkt? Die Frage bleibt bewusst unbeantwortet.
Zuletzt tanzt Ambra Peyer im Foyer mit einem ausladenden Ledersofa und einem Notizbuch in der Hand. Eine Stimme aus dem Off fordert sie auf: «there is more to explore!». Ob damit das Computerprogramm oder die Tänzerin selbst optimiert werden soll? Auf jeden Fall ist es eine Freude, der jungen Frau beim Kontakt Duo mit dem Sofa zuzuschauen.

© Charles Mugel

Im letzten, etwas kurzen Teil sitzen wir wieder in der grossen Halle und erleben nun zum ersten Mal Interaktionen unter den Tänzerinnen. Wie eine ausgeklügelte Apparatur passen die Körper ineinander, halten und tragen einander. Das ist vertrautes Contemporary Dance Vokabular, geschmeidig getanzt. Ich würde gerne mehr davon sehen, hoffe auf eine Entwicklung der Beziehung unter den Frauen und zu ihrer Umgebung. Diese inhaltliche Zuspitzung oder Konkretisierung fehlen am Schluss. Doch ich bin dankbar für ein zeitgenössisches Stück, das den Tanz so stark gewichtet. Denn obwohl Licht, Video, Musik und vor allem der Raum eine zentrale Rolle spielen, ist doch spürbar, dass Marine Besnard ihrer Kunstform, dem Tanz, vertraut. Gemeinsam mit ihren jungen Tanztalenten sucht sie nach treffendem Bewegungsvokabular, was besonders im ersten Teil und gewissen Solos gelingt. Und vielleicht ist es richtig, dass Marine und ihre Dramaturgin Katrin Kolo, den Tanz nicht zu sehr mit konkreten Inhalten befrachtet haben. Diese werden in anderer, besser geeigneter Form transportiert: den Panel Discussions. Hier werden im Anschluss an jede Aufführung weibliche Führungskräfte aus dem Technologie Bereich präsentiert. Sie diskutieren die Frage, die zugleich Aufforderung ist: do «Women belong in Tech!?». Da dieses Format integraler Bestandteil der Aufführung ist, hätte ich mir eine Einbettung in die künstlerische Darbietung vorstellen können.

Am 15. September ist die Neuroinformatikerin Yulia Sandamirskaya zu Gast. Sie leitet die Gruppe «Neuromorphe kognitive Roboter» von Universität und ETH Zürich. Eindrücklich beschreibt sie, wie schwierig es ist, Robotern embodied intelligence (Körperintelligenz) beizubringen. «Es ist einfacher, das Hirn zu imitieren als den Körper» sagt sie und weiss wahrscheinlich nicht, wie erfreulich das für Tanzschaffende klingt. Yulia schildert die komplexen Abläufe, die für die Imitation einer einfachen menschlichen Bewegung notwendig sind. Da wird uns nachhaltig bewusst, welche Kompetenzen Tänzerinnen auf physischer, kognitiver und propriozeptiver Ebene benötigen, um differenzierte Abläufe zu tanzen, koordiniert in Raum und Zeit und gefüllt mit emotionalem Inhalt.

Dieses verkörperte Wissen könnte und sollte mehr geschätzt und genutzt werden. Es ist ein Verdienst von «2038», dafür neue Netzwerke zwischen Tanz und Technologie geschaffen zu haben.

Tina Mantel

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