«Oxy Moron»

von Malika Fankha im Tanzhaus Zürich, 5. Juni 2019 (Premiere)

 

Uterus-Universum – mit Shrimp

Stockdunkel. Sphärische Klänge. Grüne Augen blitzen in ungewohnter Höhe. Kommt da ein Wesen auf uns zu gestelzt? Ist es/er/sie bewaffnet? Hat uns im Visier?

Sobald sich der Nebel lichtet, zeichnet sich eine gewaltige Silhouette ab, die in lila Overknee-Stiefeln geradewegs auf uns zu gestöckelt kommt – ein Catwalk der anderen Art, ein Cyborg.

Oranges Licht gibt den Blick frei auf eine Maske, umrandet von strähnigem Haar: Hexentanz? „I’m the son of a witch“, wird Malika Fankha später sagen. Sie schält sich – mit zuckendem Oberkörper und kreisenden Hüften – aus Kleid und Stiefeln. Dann erst wird klar, dass sie uns die ganze Zeit über den Rücken zugedreht hat, uns nicht direkt im Visier hatte. Denn die Schamanenmaske klebt am Hinterkopf. Was steckt dahinter? Was ist vorne? Die Perspektiven verdrehen sich. Die janusköpfige Kreatur geht in die Knie und transformiert sich in ein amorphes Wesen, mutiert zum Seehund und dreht sich – ruckzuck – um. Eine knabenhafte Frau mit Brüsten und zig angeklebten Brustwarzen präsentiert ein männlich wirkendes Gesicht mit einem Mona Lisa-Lächeln – auch dieses ist nur eine Maske, eine weitere Etappe auf einer faszinierenden Reise im Saal des Tanzhauses.

Selten sieht man ein Stück mit einem derart verwirrenden und gleichzeitig glasklaren Anfang. Das schürt Erwartungen. Denn bereits in den ersten Minuten steht der Titel „Oxy Moron“ in Form des Cyborgs mit Januskopf im Raum. Die rhetorische Figur „Oxymoron“ bezeichnet einen Widerspruch in sich, der aber über sich hinausweist und kaum Auszudrückendes zum Ausdruck bringen kann; eine „scharfsinnige Dummheit“ eben, wie die griechischen Wortwurzeln dies nahelegen. Diese rhetorische Figur ist Programm, aber der Zugang ist ein metaphorischer, transformatorischer. Hält der Titel, was er verspricht? Hält der Anfang dem Stück stand – die Performerin durch? Ja! Und zwar nicht nur mit ihrer wandelbaren physischen Präsenz, sondern auch mit einem ungemein starken Text.

Die Bernerin Malika Fankha ist in verschiedenen Künsten zu Hause und bringt diese – mit viel Selbstironie – an ihrer Zürcher Premiere auf die Bühne. Sie studierte Schauspiel in Zürich sowie zeitgenössischen Tanz in Salzburg und New York. Seit Jahren arbeitet sie als Tänzerin, Choreografin, Slam- und Sound-Poetin und DJ, mit Schwerpunkten in Brüssel und Wien. Ob sie Elfriede Jelinek schätzt? Jedenfalls lässt Malika Fankhas musikalischer, rhetorisch gewiefter und mit Kalauern gespickter Text an die – im doppelten Wortsinn – wütenden „Textflächen“ der österreichischen Nobelpreisträgerin für Literatur denken.

Ist „Oxy Moron“ nun eine One-Woman-Show? Nein, eine Two-Women-Show, denn die zweite Künstlerin, die Luxemburgerin Valérie Reding, ist für Make-up, Kostüme und Bühnenbild zuständig. Eigentlich selber Tänzerin und Drag Performerin zieht sie in „Oxy Moron“ im Hintergrund die Strippen und lässt die Materialität ihrer Accessoires spielen – und natürlich diesen/s Cyborg.

„I’m very much down to earth, but not on this one“; ein Mix sei sie, aus chemischen Substanzen und organischem Fleisch, sagt Malika Fankha, und nähert sich so der Definition von Cyborg (ein Akronym aus cybernetic organism), diesen Mischwesen aus Mensch und Maschine, nicht zu verwechseln mit Robotern und Automaten. Letztere verfügen über eine lange Tradition im Tanz, denn Fragen wie: Was ist echt? Was gefälscht? Was Fiktion? Was Realität? Mann oder Frau? Und wer hat eigentlich die Fäden in der Hand? – sind und bleiben spannend und hochaktuell. Sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt und besonders an ihren Schnittstellen.

Valerie Reding und Malika Fankha legen den Fokus auf Transformationen und zeigen Körper und Sexualität jenseits von Normen. Reduktiv auf der Bewegungsebene, dafür umso überbordender im Text, in der Fiktion. Die halb-autobiografische Erzählung handelt vom Mädchen-Sein und Frau-Werden und spielt in einer „Eso-Welt“ mit – pardon! – „Eso-Mutter“. Lang und breit lässt sich Malika Fankha über ihr „Uterus-Universum“ aus, wo ein Shrimp, eine Crevette, hause und Whatsapp-Nachrichten schicke, und „the transformative power of climaxing“. Grossartig ist auch die Yoga-Parodie auf einem giftgrünen Rasenteppich, wobei die E-Zigarette der Haschischpfeife Platz gemacht hat, um den Selbstverwirklichungstrip zu beflügeln.

Das tönt hochamüsant, stünde da nicht dieses „I wish I had a body on my own“ im Raum, der Wunsch nach einem eigenen Körper, ausgesprochen von diesem deformierten, transformierten, havarierten Cyborg, der/das stets eine Art Menschenwürde behält, weil seine Darsteller*innen souverän agieren.

 

 

Im Anschluss an die gut aufgenommene Premiere (nur ein Zuschauer verliess – wohl irritiert – den Saal) diskutierte eine kleine Runde an einem (TanzNach)Tisch. Dabei war frau sich einig über den sensationell dichten Anfang von „Oxy Moron“, der alle sofort neugierig auf dieses janusköpfige Wesen gemacht und verschiedene Assoziationen ausgelöst hatte. Uneinig war frau sich allerdings bei der Frage, ob das Stück dem Anfang standhalte. Der Text sei zu lang, dominant und eindeutig, sie hätte – auf der grossen Bühne des Tanzhauses – lieber mehr Tanz, eine raumgreifendere Choreografie, gesehen. Nicht leicht zu verstehen sei der Text, aber mehrdeutig und voller kruder Details. Dieser Shrimp im Uterus…? Fremdkörper? Geschlechtervermischung? Krankheit? Damit sei doch ganz einfach ein Fötus gemeint. – „Habt ihr denn euren Föten keine Namen gegeben?!“ – Die älteren Semester fühlten sich in die 80er Jahre – New Age, Drogen und befreite Sexualität – zurückkatapultiert: alles schon gesehen und erfahren, während dieser/s Cyborg für die jüngeren eher in die Gegenwart und Zukunft wies. Zu sanft, zu flach sei der Schluss des Stücks, obwohl Malika Fankha gut singe und die leuchtenden Schmetterlinge – Transformation par excellence – schön seien. Und natürlich war frau sich einig, dass da zwei erfahrene und souveräne Performerinnen/Künstlerinnen am Werk waren.

 

 

Evelyn Klöti

 

 

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