m.a.d.

 

Aufführungsimpressionen:

Valerie Reding: m.a.d. (mutually affirmed deviance) im Tanzhaus Zürich, 3.-8. November 20

Nicht nur die freie Szene – aber diese ganz besonders – befindet sich coronabedingt in einer prekären Arbeitssituation. Zukunft ungewiss. Allen Widernissen zum Trotz wird geprobt, gearbeitet. Was für ein Glück, dass Valerie Redings Produktion im Tanzhaus Zürich gezeigt werden konnte, zwar nur vor jeweils 50 Menschen, aber immerhin. Und die Reaktionen des Publikums – mit Masken bewehrt und im Schachbrettmuster angeordnet – zeigten, wie dankbar man ist, überhaupt ein tolles Stück sehen zu können, und wie viel an Bewegung und Nähe uns momentan fehlt und fehlen wird.

Valerie Reding arbeitet an der Schnittstelle von Tanz, Performance, Fotografie und Video – «Visuals» im weitesten Sinn – und inhaltlich erforscht sie das Potential von Verletzlichkeit, Empathie, Transformation, um Gender-Rollen und sexuelle Normen, Identitäten und Körper in Frage zu stellen. Im Vergleich mit ihrem Solo «Wild Child» (2018) gibt sie sich im neuen Gruppenstück «m.a.d.» zurückhaltender und lässt ihren Co-Performern viel Raum.

Eine netzartige, schleimbedeckte Struktur hängt von der Decke herab – eine Nabelschnur? An ihrem Ende, eng umschlungen, ein Menschenknäuel. Die Performer*innen stecken in Plastikanzügen, die Gesichter unter Kapuzen versteckt. Dann und wann reckt sich ein Turnschuh, eine Hand mit lackierten Fingernägeln, um gleich wieder im Gewimmel zu verschwinden. Die Abnabelung der Drillinge erfolgt in Slow Motion: gesichts- und orientierungslos rollend, robbend, an den Wänden sich stossend. Bis sich der erste aufrichtet – ein atemberaubender Moment!
Gleichwohl lassen sich die Performer*innen viel Zeit, bis sie uns ihre Gesichter zeigen. Angetrieben durch die sensationellen Beats und Stimmungen von Ivy Monteiro am DJ-Pult lassen sie vorerst ihre Hüften rotieren. Jede*r für sich allein: gegen die Wand, den Blick gesenkt, die Hände zu Fäusten geballt. Das hat etwas Verzweifeltes, fast schon Autistisches, das weh tut. Aber die Körper – der Po im Fokus – werden durch den glänzenden Tanzteppich gespiegelt, verdoppelt und durch das raffinierte Licht von Thomas Giger so schön als Schatten an die Wände geworfen, dass die amorphen, pulsierenden Formen in kräftigem Pink wohltuende Lebensenergie und -lust erwecken.

Der zweite Teil von «m.a.d.» fokussiert die Sprache, den Protest gegen Heteronormativität und Gewalt. Was sich an Verletztheit bei Bastien Hippocrate noch in Ächzen und Stöhnen äussert, kulminiert in einem wütenden Rap von Rafał Pierzyński, der Schimpfwörter auf Polnisch ins Mikrophon schreit. Das «Spit!»-Manifest von Carlos Maria Romero (2017) ist dabei nur eine, aber eine gewichtige, Inspirationsquelle für dieses Stück, dessen Titel Valerie Reding, lasziv in den Seilen hängend, auf Französisch erklärt: «m.a.d.» ist eigentlich die Abkürzung für «mutually affirmed destruction» – wechselseitig zugesicherte Zerstörung während des Kalten Krieges, zu deutsch: Gleichgewicht des Schreckens. Die Choreografin macht jedoch «mutually affirmed deviance» – wechselseitig zugesichertes Abweichen von der Norm – aus der MAD-Doktrin und sprengt so den Teufelskreis aus Diskriminierung und Hass. Selbstermächtigung lautet die Devise. Damit wir nicht «mad» – krank und verrückt – werden. Und dafür braucht es wohl auch Humor, z. B. in Form des synchronen Gruppentänzchens, und grosse Gefühle, gar Pathos, wie in Ivy Monteiros Schlusssong «My Body is a Cage» von Arcade Fire. Empathie zu erwecken und für Abweichung und Ausbruch zu sensibilisieren, ist Valerie Reding und ihren Kollaborator*innen mit «m.a.d.» auf allen Ebenen gelungen.

«Hat das gut getan!», war der Konsens der beim Tanznachtisch anwesenden Menschen, fast alles Performer*innen, die zu Bewegungen griffen, wenn die Worte fehlten, um die rotierenden Hüften, das «ass shaking» oder «spine work», zu benennen. Das Stück – typisch 2020 – passe gut in unsere ver-rückte Zeit und führe vor Augen, wie sehr wir den Körperkontakt, die Nähe und Wärme, die Bewegung vermissen – und die unmaskierten Gesichter. Besonders in der Szene mit den ekstatischen Club/Disco-Bewegungen in Slo-Mo hätte man am liebsten mitgetanzt, weil einem das Ausgehen, das Austoben so sehr fehle. Die älteren Semester fühlten sich auch an die Nullerjahre erinnert, hoben den Retro-Schick bei den Kostümen hervor und die Qualität der Musik.
Auf Anklang stiessen auch die digitalen Zugänge für die Vor- oder Nachbereitung des Stücks, die vom Tanzhaus Zürich gut vermittelt wurden: Der Link Tree von Valerie Reding gibt Hinweise auf die Recherche und Einblicke in ein spannendes «queerleskes» Universum. Nora Smith (Oil Productions) erstellte Live Videos der Aufführungen – zum Nach- oder Wiederschauen, u. a. für jene, die keinen Platz im Tanzhaus ergattern konnten.

https://vimeo.com/valeriereding

www.valeriereding.com

Evelyn Klöti, 11.11.20

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