Iumi

Von Jenna Hendry und Matilda Biberg, Fabriktheater Rote Fabrik Zürich, 23. November 2019

Wie wunderbar, wenn man während und nach einer Tanzaufführung das Gefühl hat, beschenkt zu werden. Wenn die einzigartigen Stärken des Tanzes – physische Durchdringung, differenzierte Körperlichkeit, Berührung mit und über den Körper – grosszügig an die Zuschauenden weiter gegeben werden. Dies ist mir bei «Iumi» von Jenna Hendry und Matilda Biberg so gegangen. Von Anfang an haben mich diese beiden jungen Tänzerinnen in ihren Bann gezogen. Musik und Tanz starteten, bevor wir in den Zuschauerraum durften. So war das Stück bereits in Gang als wir unsere Plätze auf zwei Seiten der Bühne einnahmen, es war beiderseits kein «Aufwärmen» nötig. Das Interesse an der vielseitigen Bewegungssprache und der unisono Struktur – durchchoreografiert oder ausgeklügeltes «follow the leader» ? – war von Anfang an da.

Die beiden Tänzerinnen verbindet das gemeinsame Interesse an Berührung im Kontext Tanz, lesen wir im Programmheft. Das tönt nach Kontakt Improvisation, der Tanzform, die den Kontaktpunkt zwischen zwei Körpern als Ausgangspunkt für Bewegung nimmt. Sicher beherrschen Jenna und Matilda diese Form, aber was sie uns über Berührung zeigen und fühlen lassen, geht über den Körper hinaus. Sie lassen Momente von zärtlich emotionaler Intimität zu, wenn sie eng umschlungen durch den Raum gleiten. Sie zeigen uns was Begegnung sein kann, wenn zwei Menschen mit offenem Blick aufeinander zu gehen und wie daraus wieder Tanz wird. Sie stützen sich gegenseitig, indem sie um einen gemeinsamen Schwerpunkt kreisen. Ganz entfernt erinnert das an Paartänze, wobei sie die dort herrschenden Elemente des Führens und Folgens herauskristallisieren und demokratisieren. Deshalb kommt das Paar auch ohne die schon so oft gesehenen, akrobatischen Hebefiguren aus, denn sie bleiben dem Thema der Begegnung, des Miteinanders treu.

Das gilt auch und in besonderem für ihre Beziehung zum Publikum. Wir fühlen uns während der ganzen Performance eingebunden in das Geschehen auf der Bühne, spüren die verschiedenen Formen der Berührung zwischen den Tänzerinnen sozusagen am eigenen Körper. Sie erreichen das einerseits durch ihre Performance Qualität. Mit grosser Selbstverständlichkeit berühren sie die Zuschauenden mit ihrem Blick. Auch tanzen sie manchmal sehr nahe auf einer Seite des Publikums, und wenn sie am seitlichen Bühnenrand stehen, zeigen sie uns mit ihrem Blick jeweils, dass wir zu ihrem Raum gehören. Auch die unauffällige Lichtregie (Maria Ros) unterstützt das Miteinander von Bühnen- und Zuschauerraum. Die Musik von Alex Zampini gibt dynamische Impulse, lässt aber auch Raum zum Atmen und Spüren.

Es sind wenig Momente, wo sich die beiden Tänzerinnen voneinander trennen und sich stattdessen auf die Nähe zum Publikum konzentrieren. Auf unserer Seite war es Jenna, die sich für eine Begegnung mit mir persönlich Zeit genommen hat. Wie sie es geschafft hat, dass mir dieser öffentliche Moment von Intimität nicht unangenehm war, weiss ich nicht. Nachdem sie vielleicht eine Minute lang vor mir gesessen hat, während der wir uns angeschaut haben, spann sie ein Solo, das etwas über diesen Moment der Berührung erzählt hat. In Worten, wie sie nur der Tanz kennt.

Tina Mantel

 

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