Ding Dong

Aufführungsimpression: Ding Dong – Lucie Tuma
Gessnerallee, 29. September 2020

Am Anfang hören wir nur die Glocken, die an weidende Kühe und Umzüge in Bergdörfern erinnern. Im Gegenlicht sind die Tänzer*innen nur schemenhaft erkennbar, wir wenden uns ganz dem Klang zu. «Ding Dong», der Titel ist Programm und kündigt eine Auseinandersetzung mit Unterbrechung und Kontinuität an. Mit Glocken die Übergänge markieren, auch heute noch, denn ihre digitalen Nachfahren erreichen nie die Schlagkraft ihrer analogen Vorbilder.

Als das Licht den ganzen Bühnenraum ausfüllt sehen wir die repetitiven Schwung-bewegungen der drei Tanzenden in der neu und grösser wirkenden Halle Ost der Gessnerallee. Zuerst scheinen die Glocken in ihren Händen die Bewegungen zu steuern, mit der Zeit übernehmen die Tänzer*innen die Führung, weichen vom gleichförmigen Muster ab, überraschen mit einer Sprungsequenz, die neue akustische Signale hervorbringt. Ihre wiederkehrenden Schrittmuster und der neutrale, konzentrierte Ausdruck erinnert an frühe Stücke der belgischen Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker. Doch das Stück bleibt nicht auf dieser Ebene der Abstraktion, die den Zeitgenössischen Tanz in den 1980er Jahren auszeichnete. Die Tanzenden flechten Sprache in ihren Tanz ein, Worte die wiederholt werden und nachhallen wie das Tönen ihrer Glocken.

An der Wand hängt ein viertes Kostüm – ein überdimensioniertes Football Shirt mit der Nummer 11. Das Blau erinnert an Uniformen des Pflegepersonals. Die Pandemie, die den Probenprozess und uns alle in den letzten Monaten geprägt hat, ist spürbar. Wir sehen und hören den vierten, abwesenden Tänzer in einer Projektion. Sein dringlicher Aufruf, dass jetzt etwas getan werden müsse, dass jedem Ding ein Dong folgen müsse, bleibt mir vor allem als Zeichen für alle Performer, die Aufführungen absagen mussten, in Erinnerung. Auch der unsere Nasen umschmeichelnde Duft, der zwischen den Zuschauerreihen verteilt wird, mahnt an seine übelriechenden Gegenspieler, die Desinfektionssprays.

Lucie Tuma und ihr Team sprechen alle unsere Sinne an. Auch mit der überdimensionierten Plastikglocke, einer wunderschönen Skulptur, die nicht klingen kann, aber ihre Schwingungen als farbige Lichtspiele auf die Wände des kahlen Bühnenraumes sendet. Die
Tänzer*innen sitzen und liegen darunter in einem sehr verlangsamten Picknick – zum ersten Mal wird hier das Vergehen und Anhalten der Zeit fassbar. Dann wird die meditative Atmosphäre des Stückes durchbrochen. Wir werden direkt angesprochen mit Fragen, die keine Antwort verlangen, sondern in unserem Innern nachhallen wie die berühmte Frage nach dem Klang einer klatschenden Hand: «Would you rather never have Sex again – or have your parents watch you having Sex every three months?”
Übernimmt der Tänzer (die Namen der Darsteller sind aus der Medienmitteilung nicht ablesbar) die Rolle des Zen Meisters? Unterhaltend sind seine Überlegungen auf jeden Fall.

Im angeregten Tanznachtisch Gespräch im Anschluss an die Aufführung, wurde von einem Trip gesprochen, zu dem uns das Stück eingeladen hat. Dass Geräusche, Glocken und Musik wichtige Träger der Atmosphäre waren. Dass wir als Zuschauende aus dem Stück heraus, in unsere eigene Gedankenwelt gefallen sind. Und dass unsere Aufmerksamkeit immer wieder gewonnen wurde. Wie zum Beispiel durch das sehr langsame Einsetzen der Ohrstöpsel durch die Tanzenden – das uns äusserst sanft darauf hingewiesen hat, es ihnen gleich zu tun. Obwohl das Schwingen der grossen Glocken unsere Ohren ungleich weniger belastet hat, als die der Tänzer*innen.

Mir bleibt als Gesamteindruck, dass hier mit viel Sorgfalt Tanz, Sprache, Klang, Licht und Bühne zu einer einheitlichen Sprache verwoben wurde, die durch ihre Sparsamkeit viel Raum für die Assoziationen des Publikums zulässt, und leise nachhallt.

Tina Mantel, 13.10.2020

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