AUS DER RUHE GEBRACHT

«In the middle of Nowhere – your absence fills the space»

Konzept/Choreografie Simone Truong Kreation/Performance Cosima Grand, Jeanne Gumy (internship), Tarek Halaby, Anna Massoni, Roger Sala Reyner, Adina Secretan, Simone Truong
Besuchte Vorstellung: 26. Oktober 2019, Gessnerallee

«Willkommen im Nirgendwo: Bitte ziehen Sie Ihre Schuhe aus und lassen Sie Ihre Sachen zurück. Es ist dunkel hier drin, der Boden ist weich. Es gibt keine Stühle, über die man stolpern könnte und keine Wände, die einen stützen.» So steht es im Beschrieb zum Stück, und so ähnlich lautet auch der Text, den man erstmals hört, wenn man den Bereich der Vorstellung betritt und der für lange Zeit in einer Dauerschleife läuft. Tatsächlich kommt man in den ungewöhnlichen Theaterraum nicht hinein, ohne vorher Tasche, Schuhe und alles andere Hinderliche abgegeben zu haben. Worauf lässt man sich hier ein? Eine erste Verunsicherung tritt ein, und das, obwohl die Stimme aus dem Off ebenfalls immer wieder dazu auffordert, es sich bequem zu machen. Die Füsse ohne Schuhe spüren den weichen Boden, der über die gesamte Fläche ausgelegt ist.

Auch, nachdem sich die Augen ein wenig an das vorherrschende dunkle Dämmerlicht gewöhnt haben, lassen sich die Ausmasse des Raumes nur ungefähr abschätzen, es sind schwarze Vorhänge, durch die er ohne klar erkennbare Grenzen eingefasst wird. Es fehlen Wände, an die man sich lehnen könnte, die stabilen Halt böten. Irritierend, denn das menschliche Bedürfnis nach Schutz von hinten oder einer Ecke, von der aus man das Geschehen aus sicherer Distanz beobachten könnte, wird bewusst unterlaufen. Nach und Nach betreten immer mehr Menschen die Fläche, bis der Boden relativ dicht besetzt ist. Entschleunigung macht sich breit, die Anwesenden stehen, sitzen, manche liegen. Gelegentlich sind leise Unterhaltungen zu vernehmen. Je länger es dauert, desto fragwürdiger wird jedoch der Begriff «bequem» und alle scheinen zu warten, das etwas beginnt. Dabei hat «es» schon längst angefangen, denn die Performer*innen befinden sich längst mitten unter uns. Sie tragen unauffällige, dunkle Kleidung, später wird man auch die jeweils unterschiedlichen Farben, die darunter hervorschimmern, noch bemerken. Die Tänzer*innen bewegen sich langsam zwischen allen anderen hindurch, vorwärts, rückwärts, aber in jedem Fall behutsam, tastend und bedacht, niemanden zu verletzen. Ihre Augen sind geschlossen, und zwar während des gesamten Stücks. Zur Orientierung werden andere Sinne eingesetzt, das Visuelle bleibt aussen vor. Instinktiv erspüren sie benachbarte Körper. Bei der leichtesten Berührung weichen sie aus. In anderen Fällen machen die Gäste den Platz frei, um eine Kollision zu vermeiden. Wer ist aktiv, wer passiv? Die Gedanken wandern. Was ist meine Rolle? Was wird von mir erwartet? Es ist nicht klar – ein bisschen fühlt man sich, als sei man in ein Spiel hineingeworfen, ohne dass einem die Regeln verraten wurden. Zwei junge Teilnehmer der «Tanznachtisch»-Gesprächsrunde, die im Anschluss an die Vorstellung durchgeführt wurde, sollten später von der Erfahrung berichten, dass sie eigentlich die ganze Zeit auf die Aufforderung zum Mitmachen gewartet hätten und etwas enttäuscht waren, dass diese nie kam. Es bleibt auch im Nachhinein unklar, ob das eine Möglichkeit gewesen wäre.

Die Produktion ist unterteilt in einige wenige deutlich unterscheidbare Teile. Der zweite kündigt sich durch etwas helleres Licht an. Die Tanzenden finden sich nach und nach zusammen, in improvisierten Figuren, die jedoch nach erkennbarem Muster zustande kommen: die Augen bleiben zu, nach und nach wird jeder von den anderen einmal hochgehoben und getragen. Spannend ist es zu beobachten, wie jede*r Einzelne vorfühlt, wo andere Halt bieten, wo und wie eine Bewegung weitergeführt werden kann, wie sich gemeinsam Stabilität herstellen lässt und wie sich in dieser Phase die Gruppe mit grosser Ruhe immer wieder neu formiert. Meist bewegt die Gruppe sich dabei zwischen den ausweichenden Zuschauer*innen hindurch. In einem Fall jedoch bleibt ein Zuschauer hartnäckig liegen: über ihn rollt das Körperkonglomerat wie eine wabernde Welle vorsichtig hinweg.

Anschliessend verschaffen sich einzelne Tänzer*innen für kurze Solosequenzen Platz, die wie Ausbrüche an Energie wirken. Die Sitzenden in der Nähe reagieren fast erschrocken, denn hier scheint man zum ersten Mal keine besondere Rücksicht auf die Umgebung zu verwenden.

Der nächste Teil findet nun in vollständiger Dunkelheit statt. Umso genauer kann man hören: Erste Gesangstöne werden ausgestossen, einzelne Klänge, denen sich weitere anschliessen. Sie mischen sich zu ruhigen Klangclustern zusammen, die anschwellen und verebben. Die Lautstärke der einzelnen Töne lässt Rückschlüsse darauf zu, wie weit andere Personen entfernt sind. Im Schutz der Dunkelheit trauen sich – anders als im ersten Teil – diesmal auch viele der Gäste mitzumachen, sie stimmen in das akustische Spektakel mit ein.

In der letzten Phase bricht die Apokalypse aus, aus Gesang wird lautes Schreien, ohrenbetäubend kulminiert das Geschehen im Lärm.
Noch ganz unter diesem Eindruck kehrt man in die Realität zurück. Doch die Welt der Empfindsamkeit, in die man während dieses etwa 75-minütigen Stückes so nachhaltig eingehüllt wurde, klingt auch noch nach der Rückkehr in die «Normalität» lange nach.

Fazit: Man ist als Besucher*in Teil der Produktion, hautnah beteiligt und eingebunden in ein Geschehen, dass man nur bedingt beeinflussen kann. Es spielt mit unserer Gefühlswelt, irritiert, und löst genau deshalb eine Flut an Gedanken aus, wobei das genannte Thema «Migration» eine zusätzliche Perspektive und Ebene schafft. Erfolgreich zwingt die Produktion alle Anwesenden dazu, die eigene Rolle und das eigene (Nicht-)Handeln immer wieder zu hinterfragen. Simone Truong und ihre Mitstreiter*innen erschaffen mit «In the middle of Nowhere – your absence fills the space» einen Kosmos, der niemanden kalt lässt.

Wanda Puvogel

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