«All In»

von Daniel Hellmann in der Gessnerallee (Aufführung: 27. April 2019, Premiere: 25. April)

Offener Dreier

Daniel Hellmann hat sich schon in mehreren Performances mit queerer und Mainstream-Sexualität auseinandergesetzt. In «Traumboy» beschrieb er seine Erfahrungen mit der käuflichen Liebe, in «Full Service» verkaufte er Wunscherfüllungen in einem kleinen, intimen Zelt. In «All In» befasst er sich nun mit Polyamorie.

Hand aufs Herz: Geliebt werden wollen wir doch alle. Mit all unseren Ecken und Kanten, vollumfänglich, so, wie wir sind. Aber wie ist es, wenn nicht eine Person im Zentrum des Begehrens steht, sondern mehrere? Wenn das klassische Duo zum Trio, Quartett oder Quintett anwächst. Ist geteilte Liebe doppelte Liebe oder nur halb so viel wert?

Daniel Hellmann, Anne Welenc und Layton Lachman haben sich für ihr Stück «All in» in der Gessnerallee mit Dreierbeziehungen beschäftigt. Sie fragten 19 Menschen, die in Dreieckskonstellationen leben oder gelebt haben, nach ihren Erfahrungen. Deren Aussagen verweben sie zu Zitatblöcken, die im Laufe des Abends rezitiert werden. Ein Tanz um Worte also? Mitnichten – auch wenn die Bewegungen auf ersten Blick oft zufällig wirken. Wie in Zeitlupe lösen sich die drei am Anfang des Stücks voneinander, nachdem sie zunächst unter einem herabbaumelnden Deckenmikrophon dreistimmig ihr Zugeständnis gesungen haben. Dieses «Ja» in allen Ton- und Stimmungslagen fasst die Performance schon zu Beginn zusammen: Sie ist ein Ja zur Liebe, zur grenzenlosen Offenheit mit all ihren Konsequenzen.

In der Folge füttern sich Lachman und Hellmann mit bunten Jelly-Süssigkeiten, räkelt sich Welenc auf einer kreisrunden Luftmatratzenspielwiese oder mimen die drei auf der grossen Showtreppe (Bühnenbild Theres Indermauer) glückliche Triangel-Häuslichkeit. Bildmomente wie aus Film-Stills sind das, zeitgenössische Stillleben, die quasi im Off die Nacherzählungen der Recherche-Gespräche mit Bildmomenten unterlegen. Wenn getanzt wird, dann in kurzen Miniaturen, die die verschiedenen Versuche verdeutlichen, in immer wieder wechselnden Kombinationen zusammenzufinden. Geht es in den gesprochenen Zitaten um Lebensbeispiele anderer, wird im körperlichen Miteinander die persönliche Auseinandersetzung der Protagonist*innen sichtbar.

Mal erinnert das an wildes Gezappel in der Disco, mal an ein intensives Durch- und Übereinanderkriechen in einer Therapiestunde. Dann wieder finden die drei im rockseligen Reigen zur Harmonie. Doch meist bleibt es bei Experimenten auf Zeit, bei Momentaufnahmen, die keine vertiefte Emotion zuzulassen scheinen. Das wirkt zuerst paradox bei einem so emotionalen Thema wie der Liebe. Ist Dreisamkeit zur Oberflächlichkeit verdammt, in der jede und jeder sich ein Stückchen Distanz bewahrt, um von den komplexen Ansprüchen dieser offenen Lebens- und Liebesform nicht verschlungen zu werden? Oder ist es nichts als richtig, dass etwas so grundlegend Natürliches wie die Liebe kein konstruiertes Sinnsuchebühnenbrimborium braucht: Die Liebe zu dritt als Lebensmoment, nicht mehr, aber auch nicht weniger?

Und doch: So einfach und natürlich wie die Liebe ist, so kompliziert und manchmal schmerzhaft können Beziehungen sein. Diese Tiefen lotet das Stück nicht aus, was angesichts der wieder höher wachsenden Grenzzäune der Moral zumindest schade ist.

In der «TanzNachTisch» Gesprächsrunde nach der Vorstellung geht es lange um die ästhetische Wirkung einzelner Szenen. Die als liebevolle Umhüllung wahrgenommene Plastikplane, unter der sich Hellmann überraschend verletzlich zeigt, die Verlorenheit von Anne Welenc auf der kreisrunden Luftmatratze oder auch die tänzerisch-tastenden Gänge von Lachman sind allen im Gedächtnis geblieben. Es sind berührende Momente der Offenheit. Die Aufzählung stoppt als einer der Teilnehmenden sich zur Wehr setzt, weil ihm nicht gefällt, dass das Stück in der Runde analytisch in seine Einzelteile zerlegt wird. Ein wichtiger Gedanke: Schliesslich ginge es doch um die Summe, um den Gesamteindruck, der die Stimmung prägt, mit der man aus dem Theater geht. Diesbezüglich ist sich die Gesprächsrunde weniger einig und mit der Zeit öffnet sich auch ein Generationengraben. Wer die Befreiungsbewegungen der siebziger und achtziger Jahre aktiv miterlebt hat, mag sich wundern über die Brisanz, die das Thema sexuelle Freiheit für heute Zwanzig- und Dreissigjährige noch hat. Immer noch – oder wieder – braucht es Mut zum «Coming Out», wenn jemand/jefraud nicht im gängigen Muster heterosexueller Zweisamkeit lebt. Das macht Stücke wie «All In» (wieder) nötig.

25.-30. April Gessnerallee

Performance/Künstlerische Leitung Daniel Hellmann, Layton Lachman, Anne Welenc 
Konzept Daniel Hellmann 
Bühnenbild Theres Indermaur 
Musik/Sound-Design Samuel Hertz 
Licht-Design Anna Lienert 
Kostüme Mert Otsamo
Dramaturgische Beratung Wilma Renfordt 
Outside Eye Björn Ivan Ekemark 
Produktion Lisa Letnansky 
Diffusion Florence Francisco / Les Productions de la Seine 
Administration Regula Spirig


Eine Produktion von Daniel Hellmann in Koproduktion mit Gessnerallee Zürich


Gefördert durch Stadt Zürich Kultur, Fachstelle Kultur Kanton Zürich, Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Stiftung Anne-Marie Schindler, Fondation Nestlé pour l’Art, Georges und Jenny Bloch-Stiftung

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